1
Ein Wäldchen rauscht auf weiter grüner Heide;
2
Hier lebt die Erde still und arm und trübe;
3
Das Wäldchen ist ihr einziges Geschmeide,
4
Daran ihr Herz noch hangen mag in Liebe,
5
Wie eine Witwe, eine einsam arme,
6
Den Brautschmuck aufbewahrt, daß sie die Blicke,
7
Die tränenvollen, spät daran erquicke,
8
Wird sie zu bang erfaßt von ihrem Harme.
9
Rings um das Wäldchen alles öd und einsam;
10
Nicht Baum und Strauch, nur Wiesengrund zu sehn
11
Bis an die Grenze, wo die Wolken gehn,
12
Wo Heid und Himmel zweifelnd wird gemeinsam.
13
Strohhütten stehn umher zerstreut im Haine;
14
Hier hat ein traulich stilles Los gefunden
15
Von Hirten eine friedliche Gemeine;
16
Doch ist kein Menschenleben ohne Wunden.
17
Die Linde säuselt, blütenreich und hoch,
18
Die Sonne geht im Westen still verloren,
19
Und auf den Blüten, die sie jüngst geboren,
20
Verweilen ihre warmen Blicke noch;
21
Auch strahlen sie zum letztenmal auf einen,
22
Um dessen Leiche dort die Hirten weinen.
23
Sie stellten seine Bahre an die Linde,
24
Als sollt ihn einmal noch der Lenz begrüßen,
25
Der schon als Jüngling hat hinsterben müssen.
26
Die bleiche Mutter kniet an ihrem Kinde;
27
Mit Rosenkränzen schmücken ihn Jungfrauen,
28
Und aller Blicke haften schmerzumflossen
29
Auf ihrem lieben, freundlichen Genossen,
30
Sein Bild sich recht ins treue Herz zu schauen.
31
Der Vater hält des Toten Flöt und Stab,
32
Benetzend sie mit mancher heißen Zähre;
33
Dem Jüngling sollen folgen in sein Grab
34
Die schlichten Zeichen seiner Hirtenehre.
35
Im Ohr des Alten summen noch die Lieder,
36
Die dieser Flöte einst so froh entquollen,
37
Und die auf immer nun ihm schweigen sollen;
38
Das beugt ihm tiefer noch die Seele nieder. –
39
Wer aber kommt die Heide hergezogen,
40
Gejagt, so scheints, von drängender Gewalt,
41
Das Haupt von greisen Locken wild umflogen,
42
Das tiefgefurchte Antlitz fahl und kalt?
43
Es ragt ins Leben ernst und schroff herein
44
Wie altes, längst verwittertes Gestein;
45
Vom Antlitz fließt herab der Bart so hell,
46
Wie düsterm Fels entstürzt der Silberquell.
47
Aus dunkler Höhle glüht des Auges Stern,
48
Als sähs auf dieser Erde nichts mehr gern.
49
Das Auge scheint mit seiner Glut zu sagen:
50
›müßt ich nicht leuchten dem unsteten Fuß,
51
Ich hätte längst mit eklem Überdruß
52
Vor dieser Welt die Türe zugeschlagen!‹
53
Der Wandrer ist der Jude Ahasver,
54
Der, fluchtgetrieben, rastlos irrt umher.
55
Zur Bahre tritt er feierlich und leise
56
Und spricht im bang erschrocknen Hirtenkreise:
57
»so! betet still, daß ihr ihn nicht erweckt!
58
Hemmt eurer Tränen undankbare Flut!
59
Sein Schlaf ist gut, o dieser Schlaf ist gut!
60
Wenn er auch Toren euresgleichen schreckt.
61
O süßer Schlaf! o süßer Todesschlaf!
62
Könnt ich mich rastend in die Grube schmiegen!
64
Den schon so früh dein milder Segen traf!
65
Den Staub nicht schütteln mehr vom müden Fuße!
66
Wie tiefbehaglich ist die Todesmuße!
67
Das Auge festverschlossen, ohne Tränen;
68
Die Brust so still, so flach und ohne Sehnen;
69
Die Lippen bleich, versunken, ohne Klage,
70
Verschwunden von der Stirn die bange Frage.
71
Wohl ihm! er starb in seinen Jugendtagen;
72
Er hat gar leicht, vom Schicksal liebgewonnen,
73
Die große Schuld des Schmerzes abgetragen,
74
Das Leben ihm umsonst Verrat gesponnen.
75
Sein Herz ist still; das meine, ohne Rast,
76
Pocht Tag und Nacht in ungeduldger Hast,
77
Auf daß es einmal endlich fertig werde
78
Und seinen Sabbat find in kühler Erde.
79
Es schläft der Mensch in seiner Mutter Hüften,
80
Dann eine Weile noch, mit Augen offen,
81
Irrt er, Schlafwandler, in den Morgenlüften
82
Und träumt ein buntes, himmlisch frohes Hoffen,
83
Bis plötzlich ihm ans Herz das Leben greift,
84
Den schönen Traum von trunkner Stirne streift
85
Und ihn mit kalter Hand ins Wachen schüttelt,
86
Wie meine Hand hier Blüten niederrüttelt.
87
Er ist, unaufgeschreckt vom Traum, erblaßt;
88
Ich sehs an seinen ruhig schönen Zügen,
89
Die, selig lächelnd, fast den Tod verhehlen
90
Und immer noch das Märchen still erzählen,
91
Die Erde noch zum Paradiese lügen!«
92
Er rüttelt wieder Blüten von den Zweigen,
93
Die niederflattern ihren Todesreigen:
94
»noch immer, Erde, den uralten Tand
95
Von Blüten treiben und zerstören, immer?
96
Verdrießt, Natur, das öde Spiel dich nimmer?
97
Ergreift nicht Schläfrigkeit die müde Hand?
98
Du gleichest mit dem wüsten Zeitvertreib
99
Im Dorfe drüben dem Zigeunerweib,
100
Die Karten schlägt, mit ihren bunten Bildern
101
Vergangnes wie Zukünftiges zu schildern
102
Und, blöd begafft, belauscht, neugierigen Leuten,
103
Was sie gedacht, was sie geträumt, zu deuten.
104
Die Blätter werden aufgemengt und frisch
105
Gelegt in neuer Ordnung auf den Tisch,
106
Den Glauben äffend mit prophetschen Spuren;
107
Doch immer sinds die nämlichen Figuren!
108
Ich schaute zu seit achtzehnhundert Jahren,
109
Die machtlos über mich dahingefahren. –
110
Laß dich umarmen, Tod, in dieser Leiche!
111
Mein Auge laben an der Wangen Bleiche!
112
Balsamisch rieselt ihre frische Kühle
113
Durch mein Gebein, durch meines Hirnes Schwüle.« –
114
Derweil die Hirten jetzt den Sarg verschließen,
115
Starrt Ahasver aufs Kruzifix der Decke,
116
Als ob er plötzlich, tiefgemahnt, erschrecke,
117
Aus seinem finstern Auge Tränen fließen:
118
»hier ist sein Bildnis an den Sarg geheftet,
119
Der einst gekommen, schmachtend und entkräftet,
120
Der einst vor meiner Tür zusammenbrach,
121
Gebeugt vom Druck des Kreuzes und der Schmach,
122
Der mich um kurze Rast so bang beschwor;
123
Ich aber stieß ihn fort, verfluchter Tor!
124
Nun bin auch ich vom Fluche fortgestoßen,
125
Und alle Gräber sind vor mir verschlossen.
126
Ich stand, ein Bettler, weinend vor der Türe
127
Der Elemente, flehte um den Tod;
128
Doch, ob ich auch den Hals mit Stricken schnüre,
129
Mein fester Leib erträgt des Odems Not.
130
Das Feuer und die Flut, die todesreichen,
131
Versagten das ersehnte Todesglück;
132
Ich sah die scheue Flamme rückwärts weichen,
133
Mit Ekel spie die Welle mich zurück.
134
War ich geklettert auf die Felsenmauer,
135
Wo nichts gedeiht als süßer Todesschauer,
136
Und rief ich weinend, wütend abgrundwärts:
137
›o Mutter Erde, dein verlorner Sohn!
138
Reiß mich zerschmetternd an dein steinern Herz!‹
139
Der Zug der Erdentiefe sprach mir Hohn,
140
Sanft senkten mich die fluchgestärkten Lüfte,
141
Und lebend, rasend, irrt ich durch die Klüfte.
142
›tod!‹ rief ich, ›Tod!‹ mich in die Erde krallend,
143
›tod!‹ höhnte Klipp an Klippe widerhallend.
144
Zu Bette stieg ich lüstern mit der Pest;
145
Ich habe sie umsonst ans Herz gepreßt.
146
Der Tod, der in des Tigers Rachen glüht,
147
Der zierlich in der giftgen Pflanze blüht,
148
Der schlängelnd auf dem Waldespfade kriecht,
149
Den Wandrer lauernd in die Ferse sticht,
150
Mich nahm er nicht!« –
151
Da wandte sich der Jude von den Hirten,
152
Und weiter zog der Wandrer ohne Ruh,
153
Dem letzten Strahl der Abendsonne zu;
154
Ob seinem Haupt die Heidevögel schwirrten.
155
Und wie er fortschritt auf den öden Matten,
156
Zog weithingreifend sich sein Schattenstrich
157
Bis zu den Hirten, die bekreuzten sich,
158
Die Weiber schauderten an seinem Schatten.