2. Die Missethäterin an ihren Säugling

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Gotthold Friedrich Stäudlin: 2. Die Missethäterin an ihren Säugling (1777)

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O weh mir armen Mutter!
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O unglückselig Kind,
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Daß in der Wehenstunde
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Wir nicht verschmachtet sind!

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O schlage nicht dein Auge
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So froh zum Morgenrot!
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Das Weib, das dich geboren
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War ihres Gatten Tod!

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O blicke nicht so suchend
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Aus deiner Wieg' umher:
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Den du so gierig suchest,
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Dein Vater ist nicht mehr!

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Er liebte fremde Dirnen
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Samt der verhaßten Brut,
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Mehr als die Angetraute,
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Mehr als sein eigen Blut;

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Ach Gott! da übermannte
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Mich Eifersucht und Schmerz;
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Dies blanke Messer stieß ich
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Dem Schlafenden ins Herz!

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Mit deines Vaters Blute
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Färbt' ich dies Messer rot!
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Mit meinem Blute färb' ich
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Das Henkereisen rot!

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Neun lange Jammermonde
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Wardst du für Schmach und Not
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In diesem Kerker reifer,
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Ich aber für den Tod!

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Noch eh' ich meinen Namen
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Dich stammeln hören kann,
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Schleppt mich zum Blutgerichte
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Die Rache schon hinan.

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Bei Menschen, armes Würmchen!
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Lass' ich dich nun allein!
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Sie werden taub wie Steine
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Bei deinem Jammer sein!

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Dir Herz und Pforte schließen
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Und, statt des Trostes, gar
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Dich foltern mit der Frage,
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Wer deine Mutter war?

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Und weh dir, wenn du Rache
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Gleich deiner Mutter übst,
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Dir selbst, des großen Rächers
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Uneingedenk, sie giebst!

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Drum Thränen und Gebete
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Und Segen über dich!
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Ihn, den ich selbst mir raubte,
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Den Segen über dich!

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An diesen Mutterbusen
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Komm' dann zum letztenmal
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Und schlürfe du dir Labung
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Aus dieser Brust voll Qual!

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Vergebens streckst du wieder
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Die Händchen aus nach mir
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Und nimmermehr wird Labung
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An diesem Busen dir!

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Ach! wer wird künftig Vater,
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Wer wird die Mutter sein?
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Ihn deckt ein Kirchhofhügel,
60
Und mich der Rabenstein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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