Derweil in Wehn die Erde kreist

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Friedrich von Bodenstedt: Derweil in Wehn die Erde kreist Titel entspricht 1. Vers(1855)

1
Derweil in Wehn die Erde kreist,
2
Gewaltiges sich vorbereitet
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Und ein verderbenschwangrer Geist
4
Geharnischt durch die Lande schreitet,
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Dem jeder seine Huldigung
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Darbringt, in Hoffen oder Bangen,
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Der eine mit verhaltnem Groll,
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Der andre bang um Gut und Habe,
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Die Menge harrend mit Verlangen
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Des Großen, das da kommen soll:
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Da braucht es wohl Entschuldigung
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Für diese kleine Liedergabe,
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Die harmlos mit bescheidnem Schritt
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In das Geräusch des Tages tritt.

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Es sind nicht wilde Schlachtgesänge,
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Die euch zu blut'ger Tat entzünden,
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Nicht demutvolle Schmeichelklänge,
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Die eitlen Glanz und Ruhm verkünden;
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Auch keine frommen Kanzelschauer,
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Die euch zu stummer Duldung neigen
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Und für der Erde Weh und Trauer
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Vertröstend auf den Himmel zeigen:

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Nur Blumen sind's, bescheidner Art,
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Die ich auf ferner Wanderfahrt
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Gepflückt und sorgsam aufbewahrt
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Und jetzt zu duft'gem Kranz gewunden.
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Und Sprüche sind's in Reimgewand,
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Erdacht im fernen Morgenland,
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Wo eines weisen Freundes Hand
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Sie mir zur Perlenschnur gebunden

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Dazwischen jubeln helle Lieder
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Von Liebe, Lust und Erdenschöne,
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Was ich erlauschte, sang ich wieder,
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Gehüllt in heimatliche Töne –
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In frohem Kreis, beim Becher Wein
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Mag wohl ihr Klang am schönsten sein.

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Und fragt ihr mich: Wie magst du nur,
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Derweil uns Not und Stürme dräuen,
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Lustwandeln auf der Lenzesflur
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Und dich an Sang und Blumen freuen?

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O, diese Blumen, dieser Sang
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Sind nicht in leerem Müßiggang
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Gesucht und mir zuteil geworden –
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Doch unter Ungemach und Not,
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Wenn schlimme Stürme mich bedroht,
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Sind sie mir stets zum Heil geworden.

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Sie waren mir ein Talisman,
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Der von mir nahm, was mich betrübte,
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Und auch wohl andern üben kann
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Die Wunderkraft, die mir geübte.

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Denn was das Unglück bieten mag,
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War früh mein bittres Los geworden,
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Und unter Sturm und Ungemach
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Sind diese Blumen groß geworden ...
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Früh ausgestoßen in die Welt,
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Verbannt durch feindliche Gewalten
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Und stets auf eigne Kraft gestellt,
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Hab' ich gelernt, mich selbst zu halten.
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Wohl kecker war ich einst und wilder
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In erster Jugend stolzem Gang,
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Es rollten tausend bunte Bilder
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Vorüber mir im Sturmesdrang –
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Doch stimmte mich das Unglück milder,
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Und all mein Schmerz ward zu Gesang ...

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Unmännlich ist die laute Klage
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Von dem, was uns allein bewegt,
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Was schwer im eignen Herzen schlägt,
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Und nimmer tritt das Lied zutage,
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Dem ich mein Wehe eingehaucht –
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Das Merkmal gramverweinter Augen,
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Das Schmerzentuch, in Blut getaucht,
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Soll nicht zum Flitterstaate taugen ...

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Nicht um mich eitlen Tuns zu rühmen,
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Nicht um die Torheit zu verblümen,
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Schau ich zurück in jene Zeit,
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Wo falschem Tun mein Arm geweiht
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Und wo ein hohler Ruhmeswahn
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Mir vorgezeichnet meine Bahn.
79
Ich möchte, was ich selbst erfahren
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Und was das Leben mich gelehrt,
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Euch im Gesange offenbaren,
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Daß es auch andere bekehrt.
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Was mir einst hoch erschien und groß,
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Weil man es rühmt und weil es blendet,
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Das deucht mir jetzt ein schlechtes Los,
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Davon der Blick sich trauernd wendet.
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Und was ich früher wohl verachtet,
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Weil sich der Kern dem Blick versteckt,
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Das hab' ich später recht betrachtet
90
Und guten Kern darin entdeckt.
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Was ich verspottet und verhöhnt,
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Weil mich's im Übermut verdrossen,
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Damit hab' ich mich ausgesöhnt,
94
Seit mir die Welt den Blick erschlossen.
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Wer in den Abgrund selbst geschaut,
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Der weiß, warum dem andern graut,
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Wenn er hineinsieht.

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Seh' ich jetzt,
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Wie euren Blick die Träne netzt
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Und wie die Arme machtlos ringen,
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Derweil ihr selbst die Schwerter wetzt
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Für andre, daß sie euch bezwingen,
103
Da möchte schier das Herz mir springen!
104
Ihr flucht dem Joche, das euch beugt,
105
Und nährt die Quelle, die es zeugt!

106
Traut diesem Ruhmesschimmer nicht,
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Der wie ein Irrlicht vor euch flammt –
108
Ihr seht den Glanz, ihr seht das Licht,
109
Doch nicht den Sumpf, aus dem es stammt –
110
Ihr seht im Wahn, der euch verliert,
111
Nicht als den Glanz, den er gebiert!
112
Ein junger Mann stürmt in die Welt,
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Läßt liebend eine Braut zurück,
114
Sucht in der Ferne Ruhm und Glück
115
Und wird, was man so nennt: ein Held.

116
Die Poesie der Feuerschlünde
117
Treibt ihn zu schwindelndem Betören,
118
Daß er den eignen Herd sich gründe,
119
Muß er manch fremden Herd zerstören.
120
Den Fuß von Menschenblut gerötet,
121
Tritt er in fremdes Heiligtum;
122
Er rühmt sich, wenn er viel getötet,
123
Denn mit dem Töten wächst sein Ruhm ...

124
Wohl weckt ihn oft der wilde Lauf
125
Zu schöneren Erinnerungen,
126
Und was im Schlachtenlärm verklungen
127
Drängt sich im Traum lebendig auf.
128
Sieht er das grause Kriegesfeuer
129
Verheerend Städt' und Dörfer fassen,
130
Gemahnt's ihn, was ihm selber teuer
131
Und was er trauernd heimgelassen.

132
Er neigt sein Ohr, wie um zu lauschen,
133
Was mag durch seine Träume gehn?
134
Hört er der Heimat Ströme rauschen,
135
Hört er der Heimat Bäume wehn?
136
Jetzt träumt er von vergangnem Glück,
137
Denkt liebend an die Braut zurück
138
Mit weichem Herz, mit nassem Blick,
139
Da – ruft aufs neu das Kriegsgeschick ...
140
Und Trommeln wirbeln, Fahnen wehn,
141
Die Büchse knallt, Trompeten schmettern,
142
Er muß dem Tod ins Auge sehn,
143
Er folgt der Schlachten Donnerwettern –
144
Es fliehen die Erinnerungen,
145
Die ihn so schmeichelnd eingesungen.
146
Verderben wütet um ihn her,
147
Verderben sprüht aus seiner Faust,
148
Wie er in blanker Kriegeswehr
149
Einher auf stolzem Rosse braust.
150
Von rotem Blute dampft das Land,
151
Die Häuser, Dörfer stehn in Brand;
152
Und Menschen, die er nie gekannt,
153
Sind plötzlich seine Feinde worden –
154
Ihn treibt die Pflicht, sie hinzumorden! ...

155
Die Pflicht? – Erklärt euch diese Pflicht,
156
Sie ist kein Stoff für mein Gedicht.
157
Nicht jener Ruhm sei hier verkündet,
158
Der seine Leichenopfer fodert,
159
Des Krieges Schwert zum Mord entzündet
160
Und andern zum Verderben lodert.
161
Nicht jener falsche Mut gelobt,
162
Der an das Tier im Menschen streift
163
Und darum nur zum Schwerte greift,
164
Daß er die rohe Kraft erprobt –
165
Es beut zur Prüfung unsrer Kräfte
166
Das Leben edlere Geschäfte!

167
Wem Unglück je das Herz zerfleischt,
168
Wen Sorge viel gedrückt und Not,
169
Der weiß, wie wahr das Wort: Es heischt
170
Mehr Mut das Leben als der Tod.

171
Denn das ist nicht der schlimmste Kampf,
172
Der auf der freien Walstatt endet,
173
Wo Feuerschlund und Roßgestampf
174
Des Schicksals harte Schläge wendet;
175
Wo unter donnerndem Verderben
176
Die helle Schlachtmusik erklingt
177
Und tausend Menschen ruhmlos sterben,
178
Damit ein einz'ger Ruhm erringt.

179
Es fliegt auf todeskühnem Rosse
180
Der lebensmüde Held zur Schlacht –
181
Ein Wurf aus feindlichem Geschosse,
182
Und das Verhängnis ist vollbracht ...

183
Wohl sah ich, wie Lawinen sprangen
184
Vom Hochgebirg mit Donnerschall
185
Und in dem ungestümen Fall,
186
Was unten blüht' und wohnt', verschlangen.

187
Doch als lebendige Lawine
188
Dem Bösen seinen Arm zu leihn,
189
Die kaltberechnete Maschine
190
Des Unglücks, der Zerstörung sein,
191
Der Menschenwürde sich begeben:
192
Das ist fürwahr kein gutes Streben!

193
Verlaßt des Wahnes Schattenreich,
194
Mit Weisheit gürtet eure Lenden,
195
Verbrennt die Schiffe hinter euch,
196
Nicht um das Leben falsch zu enden,
197
Nein: um es richtig anzuwenden

198
Ein andres ist's, zieht ihr das Schwert
199
Für Vaterland und eignen Herd;
200
Wenn fremde Dränger euch bemeistern
201
Mit gieriger, mit roher Hand
202
Und Hochgefühle euch begeistern
203
Für Freiheit und für Vaterland.

204
Wer dann voll Mut und kühnen Dranges
205
Die Waffen trägt zu starker Wehre,
206
Dem ziemt die Weihe des Gesanges
207
Gebührt des Lorbeerkranzes Ehre! ...

208
Wo vielgegipfelt, wildzerklüftet
209
Der Kaukasus zum Himmel steigt,
210
Das Haupt erstarrt und schneegebleicht,
211
Wenn er den Wolkenturban lüftet –
212
In eis'gem Panzer eingezwängt,
213
Daran die blumenreiche Steppe
214
Des Dornes, gleichwie eine Schleppe
215
An einem Königsmantel, hängt –
216
Wo Simurgs riesiges Gefieder
217
Vom Wolkenthrone niederrauscht,
218
Da ist die Heimat dieser Lieder,
219
Da hab' ich ihren Klang erlauscht.
220
Wohl andres gab es dort zu singen,
221
Wo nie der Schlachtendonner schweigt,
222
Wo Völker in Verzweiflung ringen
223
Und eines nicht dem andern weicht.
224
Wo alles klirrt in blanker Rüstung,
225
Wo jede Wohnung eine Feste,
226
Wo jeder Steinblock eine Brüstung –
227
Wo sich's in jedem Felsenneste
228
Von Waffen und von Kämpfern regt –
229
Wo selbst das Weib die Waffen trägt,
230
Wo jeder Knabe schon ein Krieger –
231
Und wo in der Verzweiflung Mut
232
Die Mutter mit der eignen Brut
233
Vom Felshang springt ins Todesbette,
234
Daß vor der Knechtschaft sie sich rette
235
Und der Gewalt der rohen Sieger ...

236
Hinweg mit diesen krausen Bildern
237
Des Todes, der Zerstörung Schrecken!
238
Wer nicht vermag das Weh zu mildern,
239
Soll die Erinnerung nicht wecken,
240
Nicht mit den Wilden selbst verwildern!

241
Fort von den Gräbern, von den Trümmern!
242
Fort aus der Nacht zum hellen Tag.
243
Es soll des Lebens frischer Drang
244
Nicht in gesuchtem Gram verkümmern –
245
Und nur was Freude bieten mag
246
Soll auferstehen im Gesang!

247
Verhaltner Schmerz und stete Spannung
248
Führt zur Erschlaffung, zur Entmannung.
249
Das Schlimmste stellt von selbst sich ein,
250
Und wer sich freun will, muß es bannen.
251
Ein frohes Lied, ein Becher Wein,
252
Und alle Sorge zieht von dannen!
253
Nur wer sich recht des Lebens freut,
254
Trägt leichter, was es Schlimmes beut.

255
Drum salbt zum Feste eure Glieder
256
Und laßt an meiner Hand euch nieder
257
Beim Trinkgelag verliebter Weisen,
258
Die Erdenlust und Schönheit preisen.
259
Sie streuen Blumen vor euch hin,
260
Erfreut euch ihrer Wohlgerüche;
261
Merkt ihrer Worte klugen Sinn,
262
Hört ihre Lieder, ihre Sprüche,
263
Die länger als sie selber leben,
264
Dem weinbenetzten Mund entschweben.

265
Und was mir die Erinnerung
266
Noch in lebend'gen Formen malt:
267
Die liedersüße Huldigung
268
Der Schönheit, die verlockend strahlt,
269
Des Ostens warme Sternennacht,
270
Der Blumengärten Farbenpracht,
271
Des Frühlings Luft und Blütendrang,
272
Die bergumragte Kyrosstadt,
273
Die Majestät des Urarat
274
Soll auferstehen im Gesang;
275
Gebirge, die zum Himmel steigen,
276
Bergströme, die zu Tale springen,
277
Der jungen Mädchen Tanzesreigen,
278
Wenn wild der Tschengjir Saiten klingen.
279
Oh, diese wilden Klangesgrüße,
280
Sie sind mir tief ins Herz gedrungen,
281
Und diese jungfräulichen Füße
282
Mir im Gedächtnis nachgesprungen,
283
Und alles, was ich recht verstand
284
Und was ich schön und nützlich fand,
285
Das führ' ich jetzt an meiner Hand
286
Heim in mein deutsches Vaterland.

287
Und weil es voll von Liebe ist,
288
Keusch angetan im Friedenskleid:
289
Die du den Frieden mir beschieden,
290
Die du die Liebe selber bist.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Bodenstedt
(18191892)

* 22.04.1819 in Peine, † 18.04.1892 in Wiesbaden

männlich

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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