Zaunkönig

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Ernst Moritz Arndt: Zaunkönig (1814)

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Zaunkönig, kleinstes Vögelein,
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Wie fliegst du einsam und allein?
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Was baust du vor dem Maienwest
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Dein traurig kaltes Winternest,
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In stillster Eck', im kahlen Strauch
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Ganz wider jeden Vogelbrauch?

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Das Vöglein spricht: »Leicht wird gefragt,
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Doch Antwort oft mit Not gesagt;
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Denn altes Leid und altes Glück
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Schaut hinter sich nicht gern zurück.
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Wohl tausend Jahr' und noch viel mehr
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Ist Antwort und Geschichte her –
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Viel tausend Jahre – Wonnezeit!
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Da trug Zaunkönig Königskleid,
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Goldkronen goldner tausendmal,
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Als feinstes Gold im Sonnenstrahl;
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Im Fluge und Gesang voran
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War er der Vögel Vordermann,
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So klein, so golden doch und groß
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Saß er dem Glück und Ruhm im Schoß.
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Doch zu viel Glück tut selten gut
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Und schwellt den grünen Übermut.
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So ging es auch dem Vögelein:
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Es wollte was Besondres sein;
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Ein Ausderspur und ein Fürsich
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Hielt's einen gar selbsteignen Strich
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Und macht' in stolzer Phantasei
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Von Gott und von Natur sich frei,
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Wollt' gar im Winter Nester baun.

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Als das die andern Vögel schaun,
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Beginnt Verwundern, Schrein und Graun
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Ob solchem unerhörten Stolz,
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Und wie die Glut aus dürrem Holz
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Schlägt aus dem Graun der Zorn herauf.
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Drob rufet alles Volk zuhauf
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Der Federträger ein Prophet
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Und Seher, stark vom Geist durchweht –
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Der Rabe führt und nimmt das Wort.
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Er schreit: ›Fort mit dem Frevler! Fort!‹
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Er ruft dreimal: ›
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Was lockt des Himmels Fluch herab!
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Fort mit dem kleinen Übermut,
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Der sich Gott gleich gebärden tut,
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Als hätt' er's Wetter in der Hand!
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Er werd' aus unserm Volk verbannt,
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Der eitle Geck, der Schneephantast,
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Der seines Volkes Sitten haßt –
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Man haue Acht und Aberacht
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Dem, der vorm Lenz den Frühling macht!‹

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So ward's. Ich armes Vögelein
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Muß drum noch heute einsam sein,
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Im kalten Winter, wo andre ruhn,
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Als hätt' ich vollen Frühling, tun,
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Tragen Moos und Gras fürs öde Nest,
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Wo mich der Nord mit Schnee umbläst;
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Einsam allein bis diesen Tag
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Verbüß' ich, was der Ahn verbrach.«

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Was meinet diese Kindermär?
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Sie schlägt und bohrt mit scharfem Speer
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Und spricht: »Mach' dir nicht selbst was weis,
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Halt hübsch das eingefahrne Gleis,
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Hänge jeden überschwenglichen Traum
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An den ersten besten Galgenbaum:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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