Das Finkenlied

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Ernst Moritz Arndt: Das Finkenlied (1814)

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Wir singen ein trauriges Finkenlied:
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Der edle, freie Fink ist tot,
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Ihn weckt zu frohem Lustgesang
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Nie mehr ein irdisch Morgenrot,
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Er hat ein beßres Land erflogen,
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Er schwimmt auf hellern Himmelswogen –
7
Doch ach, für uns der Fink ist tot.

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Wir singen ein fröhliches Finkenlied,
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Ein Lied aus voller, deutscher Brust,
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Und wenn wir auch in Trauern gehn,
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Solche Trauer hat in Tränen Lust:
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Um Tapfre sind so süß die Schmerzen,
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Sie heben himmelan die Herzen,
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Des Himmelfluges sich bewußt.

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Wir singen ein fröhliches Finkenlied –
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Wie fröhlich war des Finken Sang,
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Wenn er den Dreiklang hellsten Tons
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Den Schlag in guten und bösen Tagen,
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Den mußt er immer mutig schlagen,
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Der war des deutschen Finken Klang.

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Den klang er, als vom welschen Gei'r
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Der deutsche Hain war stumm gemacht,
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Den klang er frisch durch Berg und Tal;
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Drob hieb der Gei'r ihm Bann und Acht
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Und rief: Wir wolln den deutschen Schnäbeln
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Die unverschämten Kehlen knebeln,
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Schweigt, Freche! Bebet unsrer Macht!

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So meint' und dräute welsche Wut,
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Doch Gott im Himmel meint' es nicht,
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Er schlug mit schärfsten Blitzen drein,
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Da ward's in deutschen Hainen licht,
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Da blühte deutscher Frühling wieder,
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Da klangen wieder deutsche Lieder,
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Und fremde Schnäbel krächzten nicht.

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Und o, der Adler an der Spree,
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Da, wo er thront in höchster Horst,
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Vernahm des tapfern Finken Schlag
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Und sprach: »Der hüte mir die Forst!
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Der tut mit unverzagtem Singen
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Den wunderschönen Dreiklang klingen,
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Der hüte mir die Westenforst!«

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Und siehe, auf des Aars Gebot
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Froh fliegt der treue Finke hin,
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Mit Morgenrot die Brust gefüllt,
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Gesanges, Sieges freudig hin,
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Damit das Land der Roten Erde
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Der jungen Wonne selig werde,
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Zur Westenforst, da fliegt er hin.

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Dort hat sein Dreiklang frisch und frei
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Geklungen mehr als dreißig Jahr
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In Feld und Berg und Tal voran –
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So wollt's der königliche Aar.
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Und wollten Uhu, Kauz und Eulen
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Das Lied der Finsternis sich heulen,
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Er hielt den Ton der Kehlen klar.

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So klang sein freies Lied voran
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Mit vollem, hellem, deutschem Klang,
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Daß es die düstre Vogelschar
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Zum Fliehen oder Schweigen zwang.
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Doch Amseln, Lerchen, Nachtigallen,
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Die hört man doppelt lustig schallen,
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Wann allen vor der Finke sang.

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Drum singen wir fröhlich das Finkenlied –
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O gebe Gott dem deutschen Wald
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Stets solches Dreiklangs Freudenschall!
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So bleibt das Glück uns wohlgestalt.
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Recht, Vaterland und Freiheit klingen
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Bleibt bestes Ding von guten Dingen,
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Wann's mächtig durch die Seelen schallt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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