An die deutschen Fürsten

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Ernst Moritz Arndt: An die deutschen Fürsten (1814)

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Ihr schaut den deutschen Michel
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Er trägt nicht mehr den Stamm der Tannen,
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Doch ist er noch der
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Der nicht viel
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Das Riesenkind im alten Traum,
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Vor dessen Faust die Welt muß strauchen;
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Und nimmt er sich den Weberbaum,
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Er weiß wie weiland ihn zu brauchen.

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Ihr schaut den deutschen Michel an?
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O meinet nicht mit ihm zu scherzen!
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Er ist noch heut der wilde Mann,
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Der viel im Arm hat, mehr im Herzen.

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Traut nicht zuviel auf seinen Traum,
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Er träumet hart am Morgentore,
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Ein solcher Traum wird nimmer Schaum,
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Er hat die volle Lichtaurore.

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Ja, schaut euch nur den Michel an,
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Er reibt die Augen zum Erwachen,
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Ihm träumte, wie er ein Gespann
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Von einem Riesen schlug und Drachen –
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O schaut, wie ihm des Schlafes Sand
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Vom lichtbestrahlten Auge fließet,
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Wie er halb träumend mit der Hand
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Wie durch die Lüfte Speere schießet.

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Ja, schaut euch nur den Michel an,
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Die Faust, das Herz, das Speereschießen,
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Der schwere Schlaf gottlob! wird dann
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Auch euch wie ihm im Licht zerfließen –
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Kommt, schaut den Traum, des Träumers Spiel,
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Und traut nicht, daß er nur will spielen:
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Weil er mit Geistern spielt zum Ziel,
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So wird er desto schärfer zielen.

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Ja, schaut euch nur den Michel an
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Und lernt im Michel euch erkennen,
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Lernt mit dem deutschen, starken Mann
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Wie weiland für die Freiheit brennen,
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Für deutsche Ehre, deutsches Recht,
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Für deutsche Wahrheit, deutsche Freude –
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Lernt das, dann weidet eu'r Geschlecht
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Auch künftig mit auf deutscher Weide.

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Ja, schaut den deutschen Michel an,
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Was soll ich Fürsten Wahrheit fälschen?
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Zieht an den vollen deutschen Mann,
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Werft weg den bunten Rock der Welschen,
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Werft weg den welschen Lügenschein,
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All eure welschen Feinereien –
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Dann tritt der deutsche Held herein,
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Der erste Freie unter Freien.

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Ja, schaut den deutschen Michel an –
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O wärt ihr ganz aus seinem Holze!
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Gleich stünde da der ganze Mann,
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Der Stille, Tapfre, Freie, Stolze,
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Der winkte durch die Welt hinaus:
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»still, Moskowiter! Still, Franzose!
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Wir stehen fertig jedem Strauß
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Und schütteln kühn die roten Lose.«

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Ja, schaut den deutschen Michel an –
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Das Riesenkind mit Geisterträumen –
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Nicht wird die Brandung, die begann,
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Im dünnen Wellenspiel verschäumen –
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Mit ihm mit hellem Mut hinein,
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Wie wild auch Sturm und Woge treiben!
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So werdet ihr die ersten sein,
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Und Michel wird der zweite bleiben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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