Die Nachtrheinfahrt

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Ernst Moritz Arndt: Die Nachtrheinfahrt (1814)

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Zwei schlug's nach Mitternacht, wohl sieben Meilen
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Hatt' ich am heißen Sommertag vollendet,
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Da sahen, wo die Sieg zum Rhein sich wendet,
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Nur Mond und Sterne mich nach Mondorf eilen.

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Es schliefen Mensch und Tier und Wald und Bäume,
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Die Vöglein bargen unter stillen Flügeln
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Die Schnäbel und die Stimmen, aus den Spiegeln
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Des Tages spielten Bilderspiel die Träume.

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Ich rief dem Fergen, doch mir scholl's entgegen:
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»er liegt am Ufer jenseits eingeschlafen,
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Denn selten kommt zu unserm kleinen Hafen
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Ein Wandrer hin auf mitternächt'gen Wegen.

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Doch steht ein Eichstock an der Sieg Gestade,
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Und macht das schmale Fahrzeug Euch kein Grauen,
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So mögt Ihr meiner Armeskraft vertrauen,
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Ich rudr' Euch mutig durch die Wellenpfade.«

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»geh! Hol'!« – Er ging. Doch unterdes erblaßten
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Mond und Gestirne, schwarze Wolken zogen
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Gewitternacht zusammen, Blitze flogen,
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Die sich vom Ost zum West umarmend faßten.

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Der Eichstock kam. Sein blitzerhellter Treiber
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Erschien mir nun, ein Mann gewalt'ger Knochen,
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Schwarz, düster, gleich dem Fährmann viel besprochen,
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Der weiland Geister führte dünnster Leiber.

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Frisch sprang ich doch in diesen Charonsnachen,
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Doch kaum das Viertel meines Wegs gefahren,
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Erpfiff ein Lispelwind, er pfiff Gefahren,
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Die bald als Sturm und Donner sollten krachen.

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Schon bebet die Natur, die Vögel sausen
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Durch wilde Luft, mit Bellen, Heulen, Stöhnen
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Erwacht die Kreatur in Klagetönen,
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Die kurz verhallend durcheinander brausen.

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Der Ruf der Wächter, die die Nacht durchschreiten,
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Schreit in geschwinder Angst aus dumpfem Horne,
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Als bliesen sie ein Lied von Gottes Zorne,
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Den Jüngsten Tag, den Untergang der Zeiten.

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Und krach, schlägt's ein vor uns, die Wellen spritzen,
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Der Nachen bäumt sich, wie zum letzten Sprunge
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Ein fallend Roß, und aus dem Ruderschwunge
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Entstürzen beide wir zugleich den Sitzen.

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Ein Ruder brach, ein Vogel ohne Flügel
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Fliegt nun das Schifflein fort. »Gott sei uns gnädig!«
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So rufen wir kleinmütig und kleinredig:
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»der Wogenturm wird uns zum Grabeshügel.«

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Doch Wunder! Wie wir kaum das Wort gesprochen,
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Verstummt der Donner, und die Winde lispeln
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Sich sanft zum Säuseln ab, zum Zephirwispeln,
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Das Morgenrot erglänzt, aus Nacht gebrochen.

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Wohin wir wollten, muß die Flut uns bringen;
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Wir, die noch eben Tod in Tiefen sahen,
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Schon können wir des Ufers Weiden fahen
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Und bei Graurheindorf froh ans Ufer springen.

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Die Lerche klingt, es klingt der Mensch den Morgen,
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Aus kleinem Häuschen, mußte mit es singen,
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Bald lag ich in der Meinen Arm geborgen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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