Grutz der Heimat

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Ernst Moritz Arndt: Grutz der Heimat (1814)

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Geliebte Felder, süße Haine,
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So bin ich endlich wieder da,
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Wo ich als Kind beim Sternenscheine
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So oft die Engel wandeln sah,
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Wo mir aus himmlischen Geschichten
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Ein Himmel diese Erde schien,
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Von Freuden wimmelnd und Gedichten,
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Wie Adams Eden lieb und grün?

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So seh' ich dich, mein Schoritz, wieder,
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Wo mir das Meer mit dunkelm Klang
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Die ahnungsvollen Wunderlieder
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Der Zukunft um die Wiege sang?
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So kann ich wieder dich begrüßen,
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Mein Dumsevitz, du trauter Ort?
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So traut, daß meine Tränen fließen,
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Und meine Lippe weiß kein Wort?

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Wie vieles muß ich nicht bedenken,
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Wenn euch ich also wiederseh'?
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Wohin sich meine Schritte lenken,
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Tut alles mir so lieb, so weh,
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An jeden Baum, an jede Quelle
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Hängt liebend die Erinnrung sich,
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Und jedes Blättchen, jede Welle
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Fragt freundlich: Wandrer, kennst du mich?

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Und diese leise Kinderfrage
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Fällt wie ein Stein mir auf das Herz,
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In stiller Rückflut ferner Tage
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Kommt inhaltschwer ein ernster Scherz,
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Und zwischen Weinen, zwischen Lachen
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Die Wehmut endlich mächtig siegt:
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Es läßt sich nicht zum Spaße machen,
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Worin ein ganzes Leben liegt.

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Sind einst nicht hier auch sie getreten
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In Jugendkraft und Freudigkeit,
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Die jetzt für mich im Himmel beten
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Hoch über Erdenlust und Leid?
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Habt ihr mich hier nicht eingesegnet
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Fürs Leben, Eltern fromm und treu,
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Und Lieb' auf mich herabgeregnet,
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Wie's Blüten regnet in dem Mai?

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Was ward aus euren frommen Sorgen?
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Was trug die treue Liebe ein?
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Reicht wohl an jenen schönen Morgen
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Des Lebens voller Mittagschein?
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Mögt ihr von euren lichten Höhen,
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Wo nichts mehr zwischen Schatten schwebt,
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Noch auf den Wandrer niedersehen,
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Der unten heiß im Staube strebt?

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Wie kommt er aus der weiten Ferne
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Auf seiner Kindheit Feld zurück?
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Schaut noch zum Spiegel sel'ger Sterne
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Ein heitrer Spiegel auf sein Blick?
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Und spielt er noch mit reinen Händen
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Das süße Kinderblumenspiel?
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Ach! Abwärts muß er sich hier wenden –
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Wo steht er nun? Wo steht sein Ziel?

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O ernster Klang der fernen Tage!
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O süße Mahnung schönster Zeit!
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Die Träne tritt als stumme Klage
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Auf gegen den, der viel bereut:
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Die Blumen und die Sterne bleiben
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In steter Unschuld licht und rein,
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Doch Menschenwandern, Menschentreiben
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Mag nimmer ohne Sünde sein.

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Doch nehmt mich, ihr geliebten Fluren,
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Fromm auf in euren süßen Schoß,
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Die Reinheit himmlischer Naturen
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Ward hier nur eines einz'gen Los;
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Bei uns ist's Ahnen, Träumen, Sehnen
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Und vielfach Irren auf und ab –
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Drum rinnet nur, ihr heißen Tränen,
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Als Balsam auf den Wanderstab.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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