Das Lied vom heiligen deutschen Lande

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Ernst Moritz Arndt: Das Lied vom heiligen deutschen Lande (1814)

1
Es klang von hohen Ehren
2
Ein heller Wunderklang,
3
Wie längst verschollne Mären
4
Er durch die Seelen drang,
5
Wie Wasser aus den Tiefen
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Zum Himmel schäumend sprühn,
7
Wie Geister, welche schliefen,
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Die Mitternacht durchziehn.

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So faßt' es alle Herzen,
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So klang's durch jede Brust,
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Voll heißer Weheschmerzen,
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Voll heißer Wonnelust;
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Wie Menschen in Gewittern
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Den Glanz des Höchsten sehn,
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Mit Freude und mit Zittern
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In seiner Macht vergehn.

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Denn Gott, der alte Retter,
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Der droben wandeln geht,
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Erschien in Blitz und Wetter
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In hehrer Majestät;
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Als Richter wollt' er kommen
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Herab vom Himmelreich,
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Drum freut euch all ihr Frommen,
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Ihr Frevler, werdet bleich.

25
Wer kann die Taten sprechen,
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Die Gott der Herr getan,
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Wodurch er Schanden brechen
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Und Ehren lohnen kann?
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Wer zählt die edlen Toten,
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Die trotzig auf das Kreuz
31
Sich kühn zur Sühnung boten
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Im süßen Himmelreiz?

33
Wer zählt die Wundertaten,
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Die Preise mannigfalt,
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Die also schön geraten
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Durch Gottes Allgewalt?
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Der Wahn ist nun zerstoben,
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Zermalmt die Tyrannei,
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Der Mensch blickt hin nach oben
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Und jauchzet: Wir sind frei!

41
Das war der Klang der Ehren,
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Das war die Wunderzeit,
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Die, selig im Gebären,
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Sich ihrer Wehen freut;
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Das brauset in den Tiefen,
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Das blitzt am Firmament,
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Die Geister, welche schliefen,
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Jetzt jedes Kind erkennt.

49
Sie schreiten schön gerüstet
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Daher im Himmelschein,
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Und jedes Herz gelüstet
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In ihrer Schar zu sein;
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So wie die Kindlein eigen
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Der lieben Mutter sind,
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Naht ihnen frommes Neigen
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Ein jedes Menschenkind.

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Der erste ist der
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Er trägt den Kreuzesbaum
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Und blicket von dem Staube
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Hinauf zum Sternenraum:
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Hienieden ist sein Sehnen
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Und seine Freude nicht,
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Der Himmel nur lockt Tränen
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Von seinem Angesicht.

65
Von allen Himmelsbräuten
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Das allerschönste Kind
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Geht
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Gar lieblich, zart und lind:
69
Sie weiß nichts von der Erden
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Noch von der Erdenfreud',
71
Will gern ein Engel werden
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Und trägt ein grünes Kleid.

73
Die dritte heißt die
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Trägt einen Dornenstrauch
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Und saugt mit süßem Triebe
76
Der roten Rosen Hauch:
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Sie meldet, daß im Leide
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Die höchste Wonne blüht,
79
Drum Wehmut mit der Freude
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Ihr als Geleite zieht.

81
Es wandeln still und leise
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Die Himmelsboten drei,
83
Gar hold ist ihre Weise
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Wie Kinderspiel im Mai,
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Sie spielen tausendfaltig
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Dahin im Ernst und Scherz,
87
Daß Gottes Kraft gewaltig
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Entflammt das Menschenherz.

89
Und mit Posaunenschalle
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Ertost es durch die Welt:
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Ihr Völker, kommet alle!
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Gott führet an, der Held.
93
Hinein, hinein mit Freuden!
94
Hinein ins blut'ge Feld,
95
Für Recht und Licht zu streiten!
96
Gott führet an, der Held.

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Du hast es wohl vernommen,
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Mein heil'ges deutsches Land;
99
Du Vaterland der Frommen,
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Nach Helden viel genannt,
101
Du zogst den kühnen Degen
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Mit Gott für heil'gen Krieg,
103
Und über dir war Segen,
104
Und neben dir stand Sieg.

105
O Land der alten Treue!
106
Mein deutsches Vaterland!
107
Du hast des Himmels Weihe,
108
Du hast sein Unterpfand:
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Halt fest mit starkem Sinne,
110
Was Gott der Herr dir gab,
111
Des Himmels reine Minne,
112
Die ist der Heere Stab,

113
Die ist der Heere Fahne,
114
Ihr Stahl und ihre Burg
115
Und ficht im hehren Wahne
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Die Todesschlachten durch;
117
Die sei in allen Tagen
118
Im Frieden und im Streit
119
Dein Wollen und dein Wagen
120
Nun und in Ewigkeit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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