Das Lied vom Chasot

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Ernst Moritz Arndt: Das Lied vom Chasot (1814)

1
In Deutschland lebt' ein edler Graf,
2
Eine freie Stadt sein Vaterland,
3
Ein rechter Ritter fromm und brav,
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Seine Seele trug er in seiner Hand.
5
Die Stadt heißt Lübeck mit stolzem Namen,
6
Der Graf heißt Chasot von edlem Samen.

7
Dem freien reichsgebornen Mann
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Gefiel die Schande des Reiches schlecht,
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In seinen Adern Ehre rann,
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Drum haßte er durstig den Schelm und Knecht,
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Ein Freund von redlichen Biederleuten
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Kann er zum Recht nicht die Knechtschaft deuten.

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Drum war er mit dem Degen risch,
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Wo gegen die Welschen die Trommel klang:
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Das machte Mut ihm und Seele frisch,
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Das war ihm höchster Freudenklang,
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Da mußt' er hin über Land und Wasser,
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Der tapfre kühne Franzosenhasser.

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Als nun die Post nach Deutschland schallt:
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Dem Grafen das Herz in dem Leibe wallt,
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Da kann er nicht sitzen still zu Haus,
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Da muß er sein Blut und Leben wagen,
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Er muß sich mit den Franzosen schlagen.

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Durch Buben und Verräter schleicht
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Viele hundert Meilen der Grafensohn
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Hin, wo's dem Herzen lustig deucht,
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Wo klinget des Kriegs Posaunenton,
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Wo Alexander die Männer rüstet
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Und mutigen Russen nach Streit gelüstet.

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Bald braust auf sie wie wildes Meer
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Der welschen Rotten gewaltige Flut,
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Sie ziehen trotziglich daher
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Und dräuen im prahlenden Übermut:
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Hierher! Wer stehet vor unseren Heeren?
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Wer mag uns die Herrschaft der Erde wehren?

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Doch Gott im Himmel sah darein
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Und der Russen mächtige Kriegesfaust,
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Wie Herbstwind schüttelt das Laub im Hain,
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So hat sie der Sturmwind der Schlacht zerzaust:
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Sie sollten Raben und Wölfe füttern,
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In Rußland sollt' ihr Gebein verwittern.

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Der edle Graf in mancher Schlacht,
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In manchem blutigen Männerstrauß
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Sich gegen die Schelme lustig macht,
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Er sieht sie zerstieben zu Staub und Graus,
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Er sieht sie fliehen, er sieht sie fallen.
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Das deucht ihm der lustigste Fall von allen.

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Drauf reist er hin nach Petersburg
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An Hoffnungen und an Freuden reich,
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Eine Zierde der hohen Kaiserburg,
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Ein stolzer Sprößling aus Deutschem Reich,
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Dort soll er des Vaterlands heil'gen Waffen
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Erlesene Scharen von Männern schaffen.

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Schon hebt die
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Für Freiheit und Ehre das Siegespanier,
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Sie brennet gegen Schmach und Hohn
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Und gegen Franzosen von Kriegsbegier,
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Sie brennet von Sehnsucht der süßen Stunde,
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Wo Rache klinget von Mund zu Munde.

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Sie schauet auf des Grafen Schwert
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Und auf sein frommes und deutsches Herz,
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Er dünket ihr vor allen wert
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Voranzuspielen im Schlachtenscherz,
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Voranzustreiten dem kühnen Reihen
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Als Held und Führer der edlen Freien.

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Du edler Graf, wo ziehst du hin?
67
Wo ziehst du hin durch Winter und Schnee?
68
Auf Deutschland steht dir nur der Sinn,
69
Dir tun die armen Gefangnen weh,
70
Die armen Gefangnen, die die Franzosen
71
Haben in den Tod und das Elend gestoßen.

72
Du edler Graf, wo ziehst du hin?
73
Wo ziehst du hin durch Winter und Schnee?
74
Auf Deutschland steht dir nur der Sinn,
75
Drum ziehst du nach Pleskow am Peipussee,
76
Da willst du die armen Gefangnen erlösen
77
Und waffnen und führen gegen die Bösen.

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O Pleskow, Stadt am Peipussee!
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Wann hört die Klage der Freien auf?
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Wann saust nicht mehr ein dumpfes Weh
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In deiner Wellen ächzendem Lauf?
82
In dir soll der Bravste von allen Braven,
83
In dir soll der edle Graf Chasot schlafen.

84
Der Ritter, der die Kranken pflegt
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Und der Verwundeten Schmerz verbind't,
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Wird in die dunkle Gruft gelegt,
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Schon spielt um seinen Hügel der Wind,
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Die irdische Sonne wird nimmer ihm scheinen,
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Doch werden ihn ewig die Freien beweinen.

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Denn einen freiern deutschen Mann,
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Als Chasot war, der viel edle Graf,
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Das Deutschland nie gebären kann,
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An Leib und Seele so fest und brav,
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Ein Kind in Liebe, ein Held in Treuen,
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Ein Herz wie die Herzen der edlen Leuen.

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Drum setzen wir diesen Leichenstein,
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Drum singen wir dieses Trauerlied,
98
Solange grünt eine Eich' im Hain,
99
Solang eine Blume auf Auen blüht,
100
Eine Liebe noch glühet in deutschen Seelen,
101
Sollen Kränze und Lieder ihm nimmer fehlen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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