Epistel an Elisa

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ernst Moritz Arndt: Epistel an Elisa (1814)

1
Ich saß so stumm, wie in dem schwarzen
2
Gericht des Orkus Rhadamanth,
3
Und wog auf schwerer Schicksalshand
4
Die Schuld und Unschuld mit den Parzen,
5
Las in der blutigen Schrift der Zeit
6
Der Thronen Sturz und Königsmorde
7
Und siegreich die Banditenhorde,
8
Die einer Welt mit Knechtschaft dräut. –
9
Da dacht' ich an die großen Seelen,
10
Die, keinem Schicksal untertan,
11
Den Weg zum stillen Ozean
12
Sich durch das freie Eisen wählen:
13
Denn
14
Ist jedem Erdensohn gegeben;
15
Die erste Majestät im Leben,
16
Die höchste, heißt Gesetz und Recht,
17
Und wenn nur Knechte und Despoten
18
Auf Erden grasen matt und dumm,
19
Dann kehrt die alte Welt sich um,
20
Und Leben blühet aus dem Toten
21
Still in der Zeiten Wechsellauf,
22
Daß edlere Geschlechter werden;
23
Und sprängen sie aus Steinen und Erden
24
Durch Kadmen und durch Pyrrhen auf.

25
So saß ich, hielt die letzten Enden
26
Der Dinge wägend in der Hand
27
Und schaute stumm ins dunkle Land,
28
Von wannen nimmer Wandrer wenden;
29
Da rief mich deine Stimme süß,
30
O Freundin, in das frische Leben
31
Mit Blumenlust und Wolkenschweben,
32
Ins volle Frühlingsparadies.

33
O Freundschaft, holde Wundersaite,
34
Die lieblich durch den Busen klingt
35
Und alles Schöne wiederbringt,
36
Der Kindheit Traum, der Jugend Weite,
37
Du Männerstahl und Frauenschutz,
38
Das Herz zur Tugend zu ermannen,
39
Zu groß für Sklaven und Tyrannen,
40
Beutst du gemeinen Gütern Trutz
41
Und schwingst unsterblich durch das Leben,
42
Wie ein Gestirn den Feuerglanz,
43
Von Sphärentanz zu Sphärentanz
44
Uns aufwärts, wo die Götter schweben.
45
Ich höre deinen Zauberklang,
46
Der Gram entflieht ins öde Dunkel,
47
Der Himmel leuchtet, ein Karfunkel;
48
Die ganze Erde wird Gesang;
49
Und Guillotinen und Banditen,
50
Tyrannenseelen groß und klein
51
Versinken aus des Lichtes Schein
52
Tief, wo die Teufel Höllen hüten;
53
Und in der Freude freierm Schlag
54
Hebt sich die Brust dem Licht entgegen,
55
Und jedes Unheil wird ein Segen,
56
Ein Wonneruf wird jedes Ach.
57
So lieb und wunderbar getroffen
58
Hat mich, o Freundin, jedes Wort,
59
Das wüste Heer der Nacht ist fort,
60
Der ganze Himmel steht mir offen,
61
Die Erde sinkt, das kleine Nichts,
62
Worum sich Toren blutig schlagen,
63
Nur denen eigen, die es tragen
64
Empor ins Sonnenreich des Lichts.

65
Ja, Freundin, welche ferne Lande
66
Mein Fuß auch noch durchwandern muß,
67
Eh' ich den letzten Obolus
68
Bezahle an dem stygischen Strande,
69
Ich schwör' es dir und jener Glut,
70
Die edle Herzen ewig zündet,
71
Was sich unsterblich mir verkündet,
72
Das halt' ich fest mit Männermut,
73
Und kein Despot soll mir es rauben;
74
Und drückt es mich zu schwer hinab,
75
So öffn' ich durch das Schwert mein Grab
76
Und nehme in das Grab den Glauben.

77
Doch heute lacht der Lenz noch mild,
78
Geführt von Grazien und Scherzen,
79
Und zeiget jedem Menschenherzen
80
Der Freude anmutvolles Bild.
81
O möge er mit zarten Schwingen
82
Dich wie ein Blumenhauch umwehn
83
Und frisch und jugendlich und schön
84
Der Kindheit Träume wiederbringen!
85
Was du gewesen, was du bist,
86
Das ist der Gott in deinem Busen:
87
Orakel hat und Klang der Musen
88
Nur, welcher gleich ihm selber ist.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.