Leben

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Ernst Moritz Arndt: Leben (1814)

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Ich war ein Kind,
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Wie Frühlingssäusel flogen
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Die Lebenssorgen spielend um meine Locken;
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Das Gras gab weich die Blumendecke,
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Der Himmel das ungemessene Aug' –
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Leben und Traum noch eins:
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Mich wiegte in beiden
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Die Wiege der Liebe.

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Ein Knabe ward ich.
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Oft in den Hain der Eichen
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Nahm mich mein Vater unter die heiligen Lauben;
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Legte hinter die Garben des Feldes
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Oft des Müden Ohr an des Meeres Sausen.
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Ich bebte unter den regen Eichenwipfeln,
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Weinte ob des Meeres Sausen,
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Drückte vor dem Donner des Himmels
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Mit der Lerche, dem Reh mich hinter die Büsche.
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Doch blühten mir Blumen,
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Mir sangen die Lüfte, die Vögel,
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Warm schien die Sonne, der Fruchtbaum golden,
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Sanft trug das Meer oft des Schaukelnden Kahn.

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Ich ward ein Jüngling.
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Götter des Himmels all!
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Ihr kamt herab mit eurem seligen Traum.
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Schwellend stand ich am Meer wie Wogen,
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Wollte fließen fort mit den Waffern,
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Stand lebendig unter dem Eichbaum,
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Fühlte mich wie Lüfte gefiedert.
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Adler des Himmels, ihr trugt mich oft
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Glänzend in eure Donnerwolken,
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In eurer Sonnen brünstige Glut;
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Blumen der Erde, heiliger Mond,
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Freundliche Nacht, wie liebt' ich euch,
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Meine erste Liebe, geheim!
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Schimmernd floß mir des Lebens Wolke
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Um die schuldlosen Locken noch;
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Wie prophetischer Raben Silberklang
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Aus einsamer Luft
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Umklangen mich Töne der Zukunft.
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Ich lebt' und war glücklich.

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Ich ward ein Mann.
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Die himmlischen Götter all,
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Die spielenden all, in ernster Gestalt
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Stehen sie da: die Ägide
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Schüttelt Minerva, zum höllischen Webstuhl
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Sah ich hinab ins Dunkel der Parzen:
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Sie saßen und webten
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Tränen und Freuden im schrecklichen Schweigen.
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Und des Blutes geflügelte
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Rächerinnen, die Eumeniden,
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Standen umher, die grinsende Ate
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Flocht verworrene Knoten der Schuld,
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Und meinem Donner droben
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Fehlte der Klang, doch fraß
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Mir sein Blitzstrahl die Hütte.
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Flehend sah ich zum Himmel,
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Wollte weinen und konnt' es nicht. –
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Da nahm die Liebe den Mann
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Freundlich an die milde Brust,
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Füllt' ihm das Herz mit Jugend, das Aug' mit Tränen,
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Gab dem Himmel den Glanz
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Wieder, den Blumen den Duft –
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Und die Sünde ging unter in Liebe,
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Und die Eumenis wandelte abwärts,
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Blüten kränzten das schuldige Haupt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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