Des Knaben Segen

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Ernst Moritz Arndt: Des Knaben Segen (1814)

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Wir haben den Knaben ins Gras gelegt.
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Wie der Schelm sich lustig bewegt!
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Wie er strebet mit Händen und Füßen!
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Will mit Gewalt hinein in den süßen
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Taumel, der um ihn summt und schwirrt!
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Wie ihm das Auge lebendig wird!
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Läßt es in der Entzückung schweifen
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In des Lichts unermeßlichem Blau,
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Möchte alles so gern genau
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Mit den Fingern und Augen greifen,
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Möchte in das fröhliche Leben
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Hinein mit Schwalben und Bienen schweben,
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Möchte sich stürzen nimmersatt
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In der Welten unendliches Bad!

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Kleiner Unschuldiger, halte still!
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Dein Geschlecht kann nicht, was es will.
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Ach! wie schimmert dir, süßer Knabe,
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In dem Blick die gefährliche Gabe,
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Alles zu fassen mit inniger Lust,
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Alles zu ziehen in die Brust!
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Wirst den unendlichen Durst nicht stillen,
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Wirst die unendliche Brust nicht füllen.

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Spiele denn die fröhliche Zeit,
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Ehe der Lenz mit den Blumen verschneit,
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Ehe die süße Nachtigall schweigt
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Und der Sommer mit Wettern zeucht.
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O wie wird's dann dem Busen enge!
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Wie ist auf dem Wege so heiß das Gedränge!
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Ein stetes Fluchen und Stoßen und Treiben –
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Kannst nicht fliehen und kannst nicht bleiben,
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Darfst nicht lieben und sollst nicht hassen –
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Wo soll das geängstete Herz sich lassen?
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Flehend suchet das Aug' umher,
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Wie der Wehrlose nach dem Speer,
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Sehnst dich hinaus aus dem wilden Getümmel
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Unter der Kindheit freundlichen Himmel
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Zu dem Steckenpferde, zum Ball,
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Wünschest, daß in der stillen Erde,
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Ferne von Sonne und Vogelschall,
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Dir die Ruhe gegraben werde.

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Wir haben den Knaben gesetzt auf die Bühne,
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Worauf er künftig spielen soll.
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Es gehe dem Unschuldigen wohl!
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Wir vertrauen ihn dir, Erde du grüne,
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Dir, leuchtender Himmel, liebevoll.
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Wollet ihm kindlich das Herz bewahren
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In der Verschuldung bösen Jahren!
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Wollet ihn machen liebereich!
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So bleibt das Herz ihm fromm und weich.
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Großes Schicksal, das machtig waltet
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Und das Leben verborgen gestaltet,
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Nimm die lächelnde Unschuld hin!
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Gesund ist sein Leib, gesund sein Sinn,
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Ist in süßer Liebe geboren –
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Laß ihn freundlich führen die Horen!

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Wir haben zu den Göttern gebetet,
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Drum leise um das Kindlein tretet.
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Es ist von Himmel und Erde gesegnet,
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Vom Schicksal, das uns still begegnet.
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Drum weicher, als des Kranken Kissen,
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Sei um die Kindheit das Gewissen!
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Sie gleichet wohl dem süßen Mai,
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Liebt süße Gesänge und kein Geschrei,
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Mag still schauend in Blumen liegen
65
Und läßt sich spielend in Schlummer wiegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Moritz Arndt
(17691860)

* 26.01.1769 in Groß Schoritz, † 29.01.1860 in Bonn

männlich, geb. Arndt

deutscher Historiker, Publizist und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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