Die Wahl

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Die Wahl (1800)

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Europa herrschet. Immer geschmeichelter
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Gebietest du der Herrscherin, Sinnlichkeit!
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Die Blumenkette, die du anlegst,
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Klirret nicht, aber umringelt fester,

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Als jene, die den bleichen Gefangenen
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Im Turme lastet. Zauberin Sinnlichkeit,
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Du tötest alles, was erinnert,
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Daß sie nicht Leib nur, daß eine Seele

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Sie auch doch haben! Von der Erhabenen,
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Von ihrer Größe red ich nicht, sage nur:
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Du schläferst ein, daß sie in sich nichts
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Außer der schlagenden Ader fühlen.

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Das soll nun endlich enden! Der edle Krieg
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Der großen, liebenswürdigen Gallier
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Raubt bis zum letzten Scherf. Euch sinket
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Welkend vom Arme die Blumenkette.

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Die Donnerstimme schallt euch der eisernen
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Notwendigkeit! Ihr strauchelt des Lebens Weg
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Verarmt: wie wär es möglich, daß ihr
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Nun in der Zauberin Schoß noch ruhtet?

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Doch wenn ein Funken Seele vielleicht in euch
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Aufglimmet, wenn ihr zürnt, daß ihr Knechte seid ...
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Was frommts? Ihr habt zum Flintenstein die
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Pfennige nicht, noch zu einer Kugel!

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Ihr saht es welken, hörtet die eiserne
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Notwendigkeit. Was wollet ihr tun? Wohlan,
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Zur Wahl: Verzweifelt! oder macht euch
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Glücklicher, als es der Zauber konnte.

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Wer, was die Schöpfung, und was er selbst sei, forscht;
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Anbetend forscht, was Gott sei, den heitert, stärkt
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Genuß des Geistes: wen nach diesen
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Quellen nie dürstete, der erlieget.

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Der Künste Blumen können zur Heiterkeit
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Auch wieder wecken; führt euch des Kenners Blick.
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Die Farbe trüget oft; der Blumen
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Seelen sind labende Wohlgerüche.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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