Endlich kam auch Carrier an. Die Seelen der Todten

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Endlich kam auch Carrier an. Die Seelen der Todten Titel entspricht 1. Vers(1795)

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Endlich kam auch Carrier an. Die Seelen der Todten
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Hielten im Fluge vor Graun.
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Einer der hohen Geister sprach zu dem andern, (Sie wolten
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Bilden der Seele den schwebenden Leib.)
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Also sprach er: Leite mir Pestluft her; mit ihr hundert
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Funken des Abgrunds. Sondere nun
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Einen Atom des Urlichts ab. »Ach Einen nur?« Einen!
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Und der Todte schwebte; doch stets
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Zittert' er, musste das! Nah war eines Felsengewölbes
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Öfnung, in die sich ein reissender Strom
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Stürzete, dann in den langen unendlichen Wölbungen fortfloss,
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Oft von steigenden Inseln gesäumt.
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Über dem Strome bebt der Todte. Plötzlich befällt ihn
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Immer wiederkehrender Wahn:
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Jünglinge tanzten, und Mädchen nach Flötenspiel' am Gestade;
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Er entbrante mit Wuth, in dem Strom
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Sie zu tödten. Bindet sie, brüllet' er, Henker, zusammen!
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Und dem Grasslichen kam
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Hofnung, er würde morden! nach dem zweyten Gebrülle,
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Wurd' er gewiss!
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Dieser war der Augenblick, da ein Riesengeyer
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Über ihm kreist', und sich senkend den Tod
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Ihm ankündete. Er entfloh in die Wogen, und lange
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Starb er in ihrem Donnergeräusch.
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Aber itzt fasste der Geyer den wiederlebenden, stieg dann
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Fern in die Höhe mit ihm,
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Liess von dort ihn fallen in eilende Strudel. Nun starb er
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Wieder den langsamen Tod,
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Hörend das Flötenspiel, den leise wandelnden Nachhall,
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Und der freudigen Tänzer Gesang.
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Jedesmal wenn er starb, dann standen Getödtete, Schatten
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Seiner Opfer, vor ihm.
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Standen auch Schatten derer, die unter ihm würgten. Sie zuckten
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Blinkende Dolche nach ihm,
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Oder füllten ihm bis zu dem triefenden Rande geraume
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Becher mir Gift.
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Von dem Geyer noch Einmal gefasst, entstürzt' er der Wölbung;
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Aber itzt kam er nicht um,
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Klomm zu einer empor der Inseln, die rings aus der Ferne
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Wurde vom wimmelnden Volke gesehn.
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Hier will er güllotienen ein ganzes Heer, so mit Hohn ihm
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Zuruft, dass er sich Quaal
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Träume! Phantom sey alles, der Geyer, der Sturz in die Fluten,
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Und der Tanzenden Lied.
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Aber kein Kunstgebäu mit schnellabmähender Sichel,
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Keine Güllotine war da.
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Grimmvoll entschloss er sich eine zu baun. Mit Mühsal haut' er
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Bäum' um, zimmerte draus in dem Schweiss
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Seines Angesichts. Doch eine gerostete Sichel
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Lag vor ihm; er fasste sie, schliff
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Sie mit Ächzen. Nun ruft' er den Henkern, hofte des Mordens
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Freuden, wurde gewiss!
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Dieser war der Augenblick, da ein Rabe geflogen
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Mit dumpftönenden Fittigen kam,
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Schrie, und ihn güllotiente! Auch diesesmal eilte der Tod nicht,
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Denn die Sichel war stumpf
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Unter des Schleifenden Faust geblieben; und eh er gestreckt lag,
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Hielt der Rabe schon Schmaus.
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Als ihm auch dieser Wahn verschwunden war, und er wieder
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Lebte; betrat er von neuem den Weg
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Seiner Schrecken, und wandelt' ihn ganz! Er ruhet in Schlamme
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Immer aus, eh er wieder begint,
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Eines Winks Zeit aus, und host, ihm werde, wie Marat,
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Lohn einst Ehre des Pantheons seyn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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