Stimme der Zeit

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Adelbert von Chamisso: Stimme der Zeit (1809)

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Wer den gestirnten Himmel flüchtig sähe,
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Der ließe sich den Wahn vielleicht nicht rauben,
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Daß unbeweglich starr dort alles stehe;
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Und wer die Zeitgeschichte, möchte glauben,
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Man habe sie zum Stocken schon gebracht,
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Und leichtlich ließe sie zurück sich schrauben.
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Wer aber während einer halben Nacht
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Die Sterne sich erheben sah und neigen,
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Und solchem Schauspiel sinnend nachgedacht,
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Der wird die Wahrheit nimmer sich verschweigen,
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Und sprechen, wann der Tag im Osten graut:
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Dort muß der Schild der Sonne bald sich zeigen;
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Und wer ein halb Jahrhundert nur geschaut,
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Ist mit der Weltgeschichte stätem Gange
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Und allgewalt'gem Fortschritt schon vertraut.
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Ein Stern der Vorzeit stand im Niedergange,
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Als Luther aufstieg, der, ein Held, befreit
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Die halbe Welt vom schnöden Geisteszwange.
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Was Großes er vollbracht, war an der Zeit;
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Nur mußte, wo das Licht nicht eingedrungen,
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Sich grimmiger erneun der alte Streit;
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Denn wirrer hatte sich der Knäul geschlungen,
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Derweil im Schwung das Rad der Zeit gerollt
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Und unvernommen, was sie schrie, verklungen:
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Das Licht, das mild erhellen nur gesollt,
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Es ward zum Blitzstrahl, und in Ungewittern
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Ward grausig Schuld und aber Schuld gezollt.
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Wir sahen rings um uns den Boden zittern,
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Und sahn in Blut und Aufruhr und Empörung
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Der Throne morsch gewordnes Holz zersplittern.
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Im Finstern haust Verrat nur und Verschwörung;
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Vom sonnenhellen festen Ufer sahen
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Wir unbefährdet zu der Weltzerstörung;
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Wir, die von Vaters Händen schon empfahen
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Die Güter, denen nach sie jagen, ohne,
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Vom Schein verlockt, den gleißenden zu nahen.
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Heil ihm, der weis und stark auf festem Throne
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Mit unsrer Liebe schirmend sich umgibt,
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Aus Gold der Treue schmiedend seine Krone;
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Den wie ein Sohn ein jeder Preuße liebt,
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Vor dessen Fuß ausbrandend ohne Schaden
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Der Zeit empörter Wellenschlag zerstiebt.
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Heil dir, der, ihm zunächst im Glanz der Gnaden,
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Das edle, treue, waffenfreud'ge Roß
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Hilft lenken an der Liebe Seidenfaden,
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Das Roß, vor dessen Hufschlag der Koloß,
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Der lastend auf Europa einst gelegen,
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Gleich einem eitlen Nebelbild zerfloß.
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Heil dir, du Biedermann; du teilst den Segen,
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Wo liebend du geteilt der Sorgen Last,
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Und unsre Herzen schlagen dir entgegen.
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Heil dir, der mitgewirkt du rühmlich hast
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Ein halb Jahrhundert zu des Landes Heil,
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Und wirkst noch unablässig ohne Rast;
55
Dir wird der Liebe Huldigung zu Teil.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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