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Adelbert von Chamisso: 1 (1809)

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Salas y Gomez raget aus den Fluten
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Des stillen Meers, ein Felsen kahl und bloß,
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Verbrannt von scheitelrechter Sonne Gluten,
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Ein Steingestell ohn alles Gras und Moos,
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Das sich das Volk der Vögel auserkor
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Zur Ruhstatt im bewegten Meeresschoß.
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So stieg vor unsern Blicken sie empor,
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Als auf dem »Rurik«: »Land im Westen! Land!«
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Der Ruf vom Mastkorb drang zu unserm Ohr.
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Als uns die Klippe nah vor Augen stand,
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Gewahrten wir der Meeresvögel Scharen
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Und ihre Brüteplätze längs dem Strand.
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Da frischer Nahrung wir bedürftig waren,
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So ward beschlossen den Versuch zu wagen,
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In zweien Booten an das Land zu fahren.
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Es ward dabei zu sein mir angetragen.
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Das Schrecknis, das der Ort mir offenbart,
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Ich werd es jetzt mit schlichten Worten sagen.
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Wir legten bei, bestiegen wohlbewahrt
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Die ausgesetzten Boote, stießen ab,
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Und längs der Brandung rudernd ging die Fahrt.
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Wo unterm Wind das Ufer Schutz uns gab,
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Ward angelegt bei einer Felsengruppe,
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Wir setzten auf das Trockne unsern Stab.
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Und eine rechts, und links die andre Truppe,
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Verteilten sich den Strand entlang die Mannen,
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Ich aber stieg hinan die Felsenkuppe.
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Vor meinen Füßen wichen kaum von dannen
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Die Vögel, welche die Gefahr nicht kannten,
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Und mit gestreckten Hälsen sich besannen.
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Der Gipfel war erreicht, die Sohlen brannten
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Mir auf dem heißen Schieferstein, indessen
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Die Blicke den Gesichtskreis rings umspannten.
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Und wie die Wüstenei sie erst ermessen,
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Und wieder erdwärts sich gesenket haben,
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Läßt eines alles andre mich vergessen.
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Es hat die Hand des Menschen eingegraben
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Das Siegel seines Geistes in den Stein,
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Worauf ich steh, – Schriftzeichen sind's, Buchstaben.
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Der Kreuze fünfmal zehn in gleichen Reihn,
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Es will mich dünken, daß sie lang bestehen,
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Doch muß die flücht'ge Schrift hier jünger sein.
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Und nicht zu lesen! – deutlich noch zu sehen
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Der Tritte Spur, die sie verlöschet fast;
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Es scheint ein Pfad darüber hin zu gehen.
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Und dort am Abhang war ein Ort der Rast,
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Dort nahm er Nahrung ein, dort Eierschalen!
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Wer war, wer ist der grausen Wildnis Gast?
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Und spähend, lauschend schritt ich auf dem kahlen
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Gesims einher zum andern Felsenhaupte,
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Das zugewendet liegt den Morgenstrahlen.
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Und wie ich, der ich ganz mich einsam glaubte,
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Erklomm die letzte von den Schieferstiegen,
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Die mir die Ansicht von dem Abhang raubte;
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Da sah ich einen Greisen vor mir liegen,
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Wohl hundert Jahre, mocht ich schätzen, alt,
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Des Züge, schien es, wie im Tode schwiegen.
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Nackt, langgestreckt die riesige Gestalt,
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Von Bart und Haupthaar abwärts zu den Lenden
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Den hagern Leib mit Silberglanz umwallt.
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Das Haupt getragen von des Felsen Wänden,
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Im starren Antlitz Ruh, die breite Brust
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Bedeckt mit übers Kreuz gelegten Händen.
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Und wie entsetzt, mit schauerlicher Lust
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Ich unverwandt das große Bild betrachte,
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Entflossen mir die Tränen unbewußt.
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Als endlich, wie aus Starrkrampf, ich erwachte,
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Entbot ich zu der Stelle die Gefährten,
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Die bald mein lauter Ruf zusammen brachte.
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Sie lärmend herwärts ihre Schritte kehrten,
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Und stellten, bald verstummend, sich zum Kreis,
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Die fromm die Feier solchen Anblicks ehrten.
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Und seht, noch reget sich, noch atmet leis,
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Noch schlägt die müden Augen auf und hebt
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Das Haupt empor der wundersame Greis.
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Er schaut uns zweifelnd, staunend an, bestrebt
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Sich noch zu sprechen mit erstorbnem Munde, –
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Umsonst! er sinkt zurück, er hat gelebt.
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Es sprach der Arzt, bemühnd in dieser Stunde
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Sich um den Leichnam noch: »Es ist vorbei.«
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Wir aber standen betend in der Runde.
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Es lagen da der Schiefertafeln drei
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Mit eingeritzter Schrift; mir ward zu Teile
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Der Nachlaß von dem Sohn der Wüstenei.
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Und wie ich bei den Schriften mich verweile,
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Die rein in span'scher Zunge sind geschrieben,
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Gebot ein Schuß vom Schiffe her uns Eile.
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Ein zweiter Schuß und bald ein dritter trieben
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Von dannen uns mit Hast zu unsern Booten;
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Wie dort er lag, ist liegen er geblieben.
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Es dient der Stein, worauf er litt, dem Toten
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Zur Ruhestätte wie zum Monumente,
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Und Friede sei dir, Schmerzenssohn, entboten!
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Die Hülle gibst du hin dem Elemente,
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Allnächtlich strahlend über dir entzünden
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Des Kreuzes Sterne sich am Firmamente,
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Und, was du littest, wird dein Lied verkünden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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