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Adelbert von Chamisso: 2 (1809)

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»mein Gott, mein Gott, so hast du mich verlassen!«
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Im Dome ward zu Nacht der Ruf vernommen;
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Wer ihn erhob? sie wußten's nicht zu fassen.
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Am Hochaltar, worauf ein Licht geglommen,
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Bewegte sich gespenstisch die Gestalt,
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Aus deren Mund der Schmerzensschrei gekommen.
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Sie warf sich dann zur Erde, mit Gewalt
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Die Stirne schlagend an des Estrichs Steine,
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Die Wölbung hat vom Schalle widerhallt.
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Dann war's, als ob sie unaufhaltsam weine,
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Und in den Tränen Linderung gefunden;
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Sie stöhnte bei der Kerze letztem Scheine.
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Und als der Nacht unheimlich bange Stunden
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Verflossen und der Morgen sich erhellt,
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War's still, und die Erscheinung war verschwunden.
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Nun eilt zum Kirchgang die erwachte Welt,
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Es drängen sich die Chorherrn zum Altar;
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Drauf ragt ein Kruzifix, erst aufgestellt. –
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Ein Gnadenbild, wie nie noch eines war;
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So hat der Gott den Todeskampf gerungen,
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So bracht er sich für uns zum Opfer dar.
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Es sehend, schreit der Sünder reudurchdrungen
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Zu dem, der Sündern auch das Heil gebracht,
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Und: »Christ' eleison!« schallt von allen Zungen.
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Nicht scheint das Werk von Menschenhand gemacht;
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Wer möchte so das Göttliche gestalten?
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Wie seltsam stieg es auf im Schoß der Nacht? –
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Des Meisters ist es, der uns hingehalten
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Mit Ausflucht lange zögernd, zweifelsohne
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Das Äußerste der Kunst noch zu entfalten. –
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Was bringen wir dem Trefflichen zum Lohne?
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Es ist das Gold, das schlechte, nicht genug;
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Gebührt dem Edlen nicht die Lorbeerkrone?
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Und bald geordnet ward ein Ehrenzug,
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An welchem Lai und Priester Anteil nahmen;
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Voran ging, der den grünen Lorbeer trug.
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Und wie sie vor des Meisters Wohnung kamen,
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War weitgeöffnet, aber still das Haus,
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Auch still beim Widerhall von seinem Namen.
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Wohl schallten Pauk und Cymbeln mit Gebraus
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Zu der Drommeten gellend hellem Ton,
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Doch niemand kam zum Festempfang heraus.
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Verödet war das Haus am Morgen schon,
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Aus dem ein Nachbar sich entfernen nur
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Sah pilgernd einen schlichten Menschensohn.
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Die Herren traten spähend auf den Flur,
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Sie brachen sich durch wüste Zimmer Bahn,
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Sie trafen nicht auf eines Menschen Spur;
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Sie riefen, ohne Antwort zu empfahn,
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Und hörten leer die Räume widerhallen;
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Sie drangen in die Werkstatt: was sie sahn –
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Darüber läßt das Lied den Schleier fallen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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