Don Juanito Marques Verdugo de los Leganes, Spanischer Grande

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Adelbert von Chamisso: Don Juanito Marques Verdugo de los Leganes, Spanischer Grande (1809)

1
Wie noch in seinem Stolz Napoleon
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Den König Joseph zu erhalten rang
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Auf Spaniens unerhört geraubtem Thron,
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Und durch die Lande unter hartem Zwang
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Ein meuchlerischer Volkskrieg sich ergoß,
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Der unablässig schnell sein Heer verschlang;
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War einst ein Fest, ein Ball auf Mendas Schloß.
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Marques de los Leganes! heut ein Ball,
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Und Spaniens Feind, du Grande, dein Genoß?
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Bei rauschender Musik und Cymbeln-Schall
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Beengten Victor dieses Schlosses Mauern;
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Der Boden wankt in Spanien überall.
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Ihn ließ ein Blick von Clara tief erschauern,
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Und um sich schauend in der Gäste Reihen,
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Sah er Verrat aus aller Augen lauern.
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Den Saal verlassend schrie er auf im Freien:
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»o Clara, Clara! soll auch uns das Herz
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Verbluten in dem Kampfe der Parteien?«
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Von der Terrasse Rand sah niederwärts
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Er düstern Mutes in das tiefe Tal;
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Gedanken waren fern, er war nur Schmerz.
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Die Felsenwand, die Gärten allzumal,
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Die Stadt, das Meer darüber ausgespannt
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Erschimmerten im klaren Mondesstrahl.
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Da weckt' ihn eine Stimme: »Kommandant,
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Ich suche dich; befiehl, die Zeit ist teuer,
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Bevor uns die Empörung übermannt.
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Es ist im Rabenneste nicht geheuer,
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Sie feiern trotzig die Johannisnacht,
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Und wider Ordnung brennen ihre Feuer.
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Sieh dort, was sie so übermütig macht.«
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Er wies hinaus aufs hohe Meer und schwieg:
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Her segelten die Schiffe, Englands Macht.
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Und zischend von des Schlosses Zinnen stieg
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Ein Feuerball, der rief mit argem Munde:
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»auf, Spanier, auf! es gilt Vertilgungskrieg!«
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Ein Gegenruf erscholl aus Talesgrunde,
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Und plötzlich stiegen wirbelnd Rauch und Flammen
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Von allen Bergesgipfeln in der Runde.
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Es fiel ein Schuß: »Gott möge sie verdammen!«
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Schrie taumelnd auf und sterbend der Soldat;
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Das Blei saß in der Brust, er sank zusammen.
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Die Stadt ist jetzt ein Schauplatz grauser Tat;
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Victor, der Pflicht gehorchend, die ihn band,
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Will hin im Flug, es bleibt der einz'ge Rat.
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Da hält ihn sanften Druckes Claras Hand:
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»entfleuch! die beiden Brüder folgen mir;
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Dort hält ein Roß am Fuß der Felsenwand.«
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Sie stößt ihn fort, er hört sie rufen: »Hier!
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Hier, Juanito, Philipp, hier! ihm nach!«
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Die Stieg hinab entfleucht der Offizier.
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Die Kugeln sausten, während sie noch sprach,
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Und trieben seine Flucht ihn zu beflügeln,
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Ihm folgten auf den Fersen Tod und Schmach.
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Er endlich sitzt zu Pferd fest in den Bügeln,
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Dem Hauptquartier zujagend sonder Rast
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Mit blut'gen Sporen und verhängten Zügeln.
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So kommt er vor den General mit Hast:
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»ich bringe dir mein Haupt, mein Haupt allein,
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Sonst keines, das du mir vertrauet hast.« –
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»mag minder Schuld vielleicht als Unglück sein;
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Dem Kaiser bleibt das Urteil vorbehalten,
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Der kann erschießen lassen und verzeihn.
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Nun ist's an mir, die Rache zu verwalten.«
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Man sah, wie erst der andre Morgen graute,
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Vor Menda die Kolonnen sich entfalten.
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Die jüngst aufs Meer so übermütig schaute,
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Die Stadt war eigner Ohnmacht überlassen,
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Und nicht erfolgt die Landung, der sie traute.
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Die tags zuvor so aufgeregten Massen
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Der stolzen Bürger, starr vor Schrecken, ließen
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Den Rächer einziehn durch die stillen Gassen;
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Und Blut begann sogleich um Blut zu fließen;
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Es boten selbst die Schuldigen sich dar,
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Zweihundert ließ sofort er niederschießen.
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In jenem Tanzsaal auf dem Schlosse war
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Sein Hauptquartier, umringt von seinem Stabe
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Befahl von dort er Blut'ges seiner Schar.
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Was schwer Leganes auch verschuldet habe,
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Er selbst ein Greis, sein Weib, die Kinder alle,
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Zwei Männer, zwo Jungfrauen und ein Knabe,
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Ein Jammerbild des Stolzes nach dem Falle;
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Geknebelt sind sie mit unwürd'gen Stricken,
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Gefesselt an die Säulen dort der Halle;
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Mit ihnen acht Bediente; die ersticken
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In tiefster Brust der eignen Klage Laut,
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Wie voller Ehrfurcht sie auf jene blicken.
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Und blut'gen Werkes Vorbereitung schaut
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Man auf der Schloßterrasse mancherlei,
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Da wird aus Balken ein Gerüst erbaut;
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Und der's vollstrecken wird, der steht dabei,
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Er scheint sich selber schaudernd zu verachten,
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Daß aufgespart er so Verruchtem sei.
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In stummer Haltung stehn umher die Wachten,
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Und hundert Bürger werden hergetrieben,
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Verurteilt solches Schauspiel zu betrachten.
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Hülftätig ist ein Franke nur geblieben,
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Der bleich und zitternd zu den Opfern schleicht,
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Verachtung erntend für sein treues Lieben.
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Ruft Clara nicht: Victor, du hast's erreicht!
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Doch nein, sie spricht mit ihm, sie flüstern leise,
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Indem sie bald errötet, bald erbleicht.
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Mit Ingrimm schaut auf sie der stolze Greise,
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Es trübt und senkt sich ihrer Augen Licht,
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Sie winkt dem Freund auf würdevolle Weise.
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Der tritt nun vor den General und spricht:
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»ich bin, der deine Gnade hier begehrt.« –
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»du Gnade?« – »Ja! die letzte traur'ge Pflicht:
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Laß richten die Leganes mit dem Schwert,
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Nicht aber mit dem Strange.« – »Zugestanden.« –
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»der Beistand eines Priesters...?« – »Wird gewährt.« –
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»befreien lasse sie von ihren Banden;
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Sein Wort, mein Wort wird Sicherheit dir geben.« –
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»bist Bürge du, so bin ich einverstanden.« –
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Noch wagt ein Gnadenruf sich zu erheben:
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»sein ganzes Gut, zu sühnen, was geschah!
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Schenk einem seiner Söhne nur das Leben!« –
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»des Königs ist das Gut; was will er da
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Noch feilschen? Alle sterben, alle. Nein!« –
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»und auch das Kind, der zarte Knabe?« – »Ja!
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Wir sind in Spanien. Wein her! sag ich, Wein!
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Ihr Herrn, dem Kaiser! laßt die Becher klingen!« –
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»und soll das harte Wort dein letztes sein?« –
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»das ist's, und... nein! Mag Gnade sich erringen
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Und Leib und Gut erwirken, der es wagt
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Den Blutdienst an den andern zu vollbringen.
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Das ist mein letztes Wort.« So wie er's sagt,
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Da sträubet manchem sich das Haar empor,
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Der doch für tapfer gilt und unverzagt.
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Man schweigt, er winkt gebietend, und Victor
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Verläßt den Saal; er tritt, und möchte weinen,
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Zu den Gefangnen in der Halle vor.
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Man schaut auf ihn, und mancher dürfte meinen,
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Daß nicht unmenschlichen Befehl er brächte;
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Entfesselt wird Leganes und die Seinen.
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Er selber löset zitternd das Geflechte,
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Das Claras zarte Hände hält gebunden;
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Man übergibt dem Henker dort die Knechte.
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»du Armer, sage nun mir unumwunden«,
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So fragt die hohe, herrliche Gestalt,
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»hat deine Stimme kein Gehör gefunden?«
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Und er, sich neigend, kaum vernehmlich lallt
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Ihr Worte zu, die schauerlich empören
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Sein tiefstes Herz, es überläuft ihn kalt.
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Sie aber scheint ihm ruhig zuzuhören.
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Zum Vater sie: »Laß deinen Sohn und Erben
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Dir Unterwerfung und Gehorsam schwören.
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Gebiete du; ihn trifft es zu erwerben,
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Was du begehrt, durch Taten... schauderhaft!
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Wir haben's gut, wir haben nur zu sterben.
151
O Juanito! du verjüngter Schaft
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Der Lilien, die Leganes Schild beschatten,
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Steig auf in unsrer Väter Heldenkraft!«
154
Rings um den hochergrauten Vater hatten
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Sich ahndungsvoll gedrängt des Hauses Glieder,
156
Gestützt die Mutter an die Brust des Gatten;
157
Ihr Aug erhellte sich, sie hoffte wieder;
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Da sprach die Maid das Gräßliche zu Ende;
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Sie sank entsetzt, erschöpft, ohnmächtig nieder.
160
Der Vater rief: »O Juanito, wende
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Die Schmach von uns, die ärger als der Tod!«
162
Er schüttelte das Haupt und rang die Hände.
163
»bist du mein Blut, erfülle mein Gebot!
164
Du bist des Hauses Stamm.« Er aber schrie:
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»wer färbt in Vatersblut die Hände rot?«
166
Und Clara warf vor ihm sich auf die Knie:
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»o Bruder, wenn du mich zu lieben meinst,
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Berühre jener Schreckliche mich nie!
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Du bist ja, der zu mir gesprochen einst:
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Bevor du angehören sollst dem Franken,
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Vor dem du nicht zurückzubeben scheinst,
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Vertilget den unwürdigen Gedanken
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Mein eigner Dolch in deiner falschen Brust;
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Nun laß den Tod mich deiner Liebe danken.«
175
Und Philipp sprach: »Du armer Bruder mußt,
176
Du mußt des Hauses Schild empor noch tragen;
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Daß sonst er untergeht, ist dir bewußt.«
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Die jüngre Tochter und die Mutter lagen
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Sich weinend in den Armen; zürnend schalt
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Der Knabe seiner Schwester weibisch Klagen.
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Die Stimm erhob der Alte mit Gewalt:
182
»war der von span'schem Adel, der allein
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Das eigne Leid erwog, da's Taten galt?
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Du warst mein Sohn nicht, darfst es nimmer sein,
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Und dich verleugn ich in der Sterbestunde.«
186
Die Mutter stöhnte: »Still! er willigt ein.«
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Ein Priester zeigte sich im Hintergrunde;
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Sie führten ihn zu Juanito gleich,
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Und Clara gab ihm schnell von allem Kunde.
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Wie sonst dem Sünder zu dem Todesstreich,
191
Sprach Mut ihm ein zu leben jener Bote:
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Er sagte: »Ja!« und wurde leichenbleich.
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Die Frist verstrich, die Trommel rief und drohte
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Von der Terrasse her; sie traten vor
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Auf ihren Ruf dem Tode zu Gebote.
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Sie hielten Schritt und blickten fest empor,
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Nicht Stolz und Haltung hatten sie verlassen;
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Da war nur einer, der die Kraft verlor,
199
Der sollte leben! Den nur mußte fassen
200
Der Beichtiger und führen. Dort bereit
201
Der Block, das Schwert, ein Anblick zum Erblassen.
202
Da stand auch einer, nicht vom Blocke weit,
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Den zu vollstrecken hier die blut'ge Tat
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Das schauerliche Machtgebot befreit.
205
Und zu dem blutgewohnten Manne trat
206
Nun Juanito, leise flüsternd, leise
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Sprach der ihm zu, und gab ihm seinen Rat.
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Und sieh, die Kinder knieten schon im Kreise,
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Zunächst der Mutter stand der Kapellan,
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Und stolze Blicke warf umher der Greise.
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Zum Bruder Mariquita nun begann:
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»ich bin nicht stark, mein Bruder, wie ich sollte;
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Erbarme dich und fange mit mir an.«
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Es pfiff das Schwert, getrennt vom Rumpfe rollte
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Ihr lock'ges Haupt, der Mutterbrust entquoll
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Ein Schrei, den sie umsonst ersticken wollte.
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Kam Raphael, der fragte liebevoll,
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Wie er das Haar sich aus dem Nacken strich:
219
»bin ich so recht, du Guter, wie ich soll?«
220
Da fiel der Streich, und Clara stellte sich;
221
Wie er ins Antlitz sah der bleichen, schönen:
222
»du weinest!« sprach er. Sie: »Ich denk an dich.«
223
Er schwang das Schwert, da hörte man ertönen:
224
»halt! Gnade! Gnade!« – Wird der Ruf auch wahr?
225
Wird er den Mut der Sterbenden verhöhnen? –
226
Hervor trat Victor aus der Franken Schar
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Und stellte bleich sich, bebend und verstört
228
Dem Auge des geliebten Mädchens dar:
229
»du, deren Herz, ich weiß es, mir gehört,
230
Sei mein, mein Weib! das eine Wort, o sag es;
231
Die Macht, die dich verfolgt, hat aufgehört!
232
Das Leben nur, o süße Maid! ertrag es,
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An meinem Arm, an meiner treuen Brust,
234
Zu weinen ob den Greueln dieses Tages.
235
Vertraue mir und trage den Verlust;
236
Dir biet ich zum Beschützer mich und Leiter,
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Ich träume selbst von keiner süßen Lust.«
238
Sie sah ihn hellen Blickes an und heiter,
239
Und wandte sich, nicht schwankend ob der Wahl,
240
Dem Blocke zu, und: »Juanito, weiter!«
241
Da fiel ihr Haupt und sprang ein roter Strahl,
242
Das Herzensblut, dem mocht er nicht entweichen;
243
Den Wankenden verbarg der Freunde Zahl.
244
Und Philipp nahm, nach weggeräumten Leichen,
245
Den Platz der Schwester ein, und starb zuletzt,
246
An Stärke nur den andern zu vergleichen.
247
Vor trat Leganes selbst der Vater jetzt,
248
Um sich betrachtend seiner Kinder Blut,
249
Und Juanito sprang zurück entsetzt.
250
Doch er: »Ermanne dich und fasse Mut!
251
Hört's, Spanier, hört's! und sagt's dem Vaterlande!
252
Er ist der Sohn, auf dem mein Segen ruht.
253
Marques de los Leganes, span'scher Grande,
254
Triff sicher nur! du bist des Tadels bar;
255
Dem Feinde deines Landes bleibt die Schande.«
256
Wohl traf er gut; ein Röcheln sonderbar
257
Hat aus der atemlosen Brust bezeugt,
258
Daß seine letzte Kraft geschwunden war.
259
Wie nun die Mutter vortrat, tief gebeugt,
260
Doch würdevoll, er sie ins Auge faßte,
261
Da schrie er laut: »Sie hat mich ja gesäugt!«
262
Der Schrei erweckte Nachhall, es erblaßte
263
Im weiten Kreise jegliches Gesicht,
264
Das Mahl verstummte, wo der Franke praßte.
265
Sie sprach ihm zu, er aber hörte nicht;
266
Da schritt sie zu der Brustwehr und vollstreckte
267
Hinab sich stürzend selbst das Blutgericht.
268
Er lag in Ohnmacht.
269
Dort, der Blasse weckte
270
Wohl deine Neugier; deine Augen sahn es,
271
Wie Gramesnacht die hagern Züge deckte.
272
Die Furchen sind die Spuren nicht des Zahnes
273
Der allgewalt'gen Zeit, das siehst du schon;
274
Bewundert und bedauert und geflohn,
275
So schleicht und wird er schleichen allerwegen,
276
Bis ihm geboren wird der erste Sohn;
277
Dann wird er zu den übrigen sich legen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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