Der Szekler Landtag

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Adelbert von Chamisso: Der Szekler Landtag (1809)

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Ich will mich für das Faktum nicht verbürgen,
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Ich trag es vor, wie ich's geschrieben fand,
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Schlagt die Geschichte nach von Siebenbürgen.
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Als einst der Sichel reif der Weizen stand
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In der Gespannschaft Szekl, da kam ein Regen,
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Wovor des Landmanns schönste Hoffnung schwand.
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Es wollte nicht der böse West sich legen,
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Es regnete der Regen alle Tage,
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Und auf dem Feld verdarb der Gottessegen.
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Gehört des Volkes laut erhobne Klage,
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Gefiel es, einen Landtag auszuschreiben,
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Um Rat zu halten über diese Plage.
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Die Landesboten ließen nicht sich treiben,
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Sie kamen gern, entschlossen gut zu tagen,
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Und Satzungen und Bräuchen treu zu bleiben.
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Da wurde denn, nach bräuchlichen Gelagen,
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Der Tag eröffnet, und mit Ernst und Kraft
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Der Fall vom Landesmarschall vorgetragen:
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»und nun, hochmögende Genossenschaft,
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Weiß einer Rat? Wer ist es, der zur Stunde
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Die Ernte trocken in die Scheune schafft?«
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Es herrschte tiefes Schweigen in der Runde,
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Doch nahm zuletzt das Wort ein würd'ger Greise
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Und sprach gewichtig mit beredtem Munde:
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»der Fall ist ernst, mit nichten wär es weise,
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Mit übereiltem Ratschluß einzugreifen;
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Wir handeln nicht unüberlegter Weise.
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Drum ist mein Antrag, ohne weit zu schweifen:
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Laßt uns auf nächsten Samstag uns vertagen;
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Die Zeit bringt Rat, sie wird die Sache reifen.«
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Beschlossen ward, worauf er angetragen.
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Die Frist verstrich bei ew'gen Regenschauern,
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Hinbrüten drauf und bräuchlichen Gelagen;
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Der Samstag kam und sah dieselben Mauern
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Umfassen noch des Landes Rat und Hort,
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Und sah den leid'gen Regen ewig dauern.
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Der Landesmarschall sprach ein ernstes Wort:
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»hochmögende, nun tut nach eurer Pflicht,
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Ihr seht, der Regen regnet ewig fort.
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Wer ist es, der das Wort der Weisheit spricht?
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Wer bringt in unsres Sinnens düstre Nacht
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Das lang erwartete, begehrte Licht?
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Zur Tat! ihr habt erwogen und bedacht.
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Ich wende mich zuerst an diesen Alten,
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Des Scharfsinn einmal schon uns Trost gebracht:
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Ehrwürd'ger Greis, laß deine Weisheit walten.«
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Der stand und sprach: »Ich bin ein alter Mann,
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Ich will euch meinen Rat nicht vorenthalten.
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Wir sehn es vierzehn Tage noch mit an,
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Und hat der Regen dann nicht aufgehört,
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Gut! regn' es denn, so lang es will und kann.«
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Er schwieg, es schwiegen, die das Wort gehört,
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Noch eine Weile staunend, dann erscholl
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Des Beifalls Jubel-Nachklang ungestört.
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Einstimmig, heißt es in dem Protokoll,
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Einstimmig ward der Ratschluß angenommen,
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Der nun Gesetzeskraft behalten soll.
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So schloß ein Szekler Landtag, der zum Frommen
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Des Landes Weiseres vielleicht geraten,
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Als mancher, dessen Preis auf uns gekommen.
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So wie die Väter stolz auf ihre Taten
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Nach bräuchlichen Gelagen heimgekehrt,
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Erschien die Sonne, trockneten die Saaten,
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Und schwankten heim die Wagen goldbeschwert. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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