Chassané und die Waldenser

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Adelbert von Chamisso: Chassané und die Waldenser (1809)

1
Der heil'gen Kirche waren zwei Pilaster
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Von Arl' und Aix die würdigen Prälaten,
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Ankämpfend wider Ketzerei und Laster.
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Das Unkraut auszugäten aus den Saaten
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Der Wahrheit und zu werfen in die Glut,
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Bezweckten unablässig ihre Taten.
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Waldenser wird genannt die Otterbrut.
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Auf jener Antrieb hat zu Recht erkannt
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Das Parlament, verfemet ist ihr Blut.
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Es gilt für Recht: lebendig wird verbrannt,
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So Weib als Mann, so viele ihrer sind,
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Die zu dem falschen Glauben sich bekannt;
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Mit ihrer Asche spielen soll der Wind;
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Es fällt dem Schatze zu, was sonst ihr eigen,
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Nebst Hab und Gut auch das unmünd'ge Kind;
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Wo blühend ihre Städt und Dörfer steigen,
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Soll ebnen, Schutt und Asche, sich der Grund,
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Und da die Wildnis fluchbelastet schweigen.
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Solch Urteil sprach der Richter strenger Mund;
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Vollziehen lassen soll's der Präsident,
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Den Schergen wird durch ihn ihr Blutamt kund.
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Die Feder schon berührt das Pergament,
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Da fühlt er leise sich den Arm gehalten,
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Und einer tut's, den er von Jugend kennt.
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Alenius spricht: »Sei drum nicht ungehalten,
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Wirst, Chassané, noch immer Zeit genug
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Zu deines Namens Unterschrift behalten.
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Dein Blutwerk, mein ich, duldet den Verzug;
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Ich will aus deiner eigenen Geschichte
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Dir ins Gedächtnis rufen einen Zug;
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Du bist mir Zeuge, daß ich's nicht erdichte:
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Einst kamen her die Bauern und verklagten
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Die Mäuse vor dem geistlichen Gerichte;
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Die Mäuse, die das liebe Korn zernagten,
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Und, wie der Böse nur es stiften kann,
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Sie sonder Zahl auf Feld und Tenne plagten.
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Die Bauern trugen auf Vergeltung an,
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Die Mäuse, die so vieles doch verbrochen,
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Zu strafen mit der Kirche Fluch und Bann.
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Den Mäusen ward ein Anwald zugesprochen, –
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Wer war der Anwald, hätt ich dich zu fragen,
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Der Ketzer, denen ihr den Stab gebrochen? –
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Der Advokat der Mäuse, wollt ich sagen,
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Tat an den Tieren redlich seine Pflicht,
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Und wehrte klug den laut erhobnen Klagen:
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›die Mäuse sind von Gott, vom Bösen nicht;
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Da lasse nicht der Mensch den Mut erschlaffen
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Und ziehe nicht den Schöpfer vor Gericht.‹
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Er kämpfte siegreich mit des Rechtes Waffen,
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Es wurde frevelnd nicht geflucht den Wesen,
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Die Gott in seiner Weisheit auch erschaffen.
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Du, Chassané, du bist es selbst gewesen,
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Den Gottes ewige Gerechtigkeit
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Zur Abwehr dieser Sünde hat erlesen.
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Die Mäuse hast vom Bannfluch du befreit;
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Als Mäuse zu verteid'gen es gegolten,
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Da kannte doch dein Herz Barmherzigkeit.
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Ich will nicht glauben, Richter unbescholten,
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Daß Menschen, die zum Scheiterhaufen wallen,
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Es Stein in deinem Busen finden sollten.
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Du unterschreibst nicht? läßt die Feder fallen!
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Hab Dank!« Sie drückten schweigend sich die Hand;
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Der Ketzer Sache sollte so verschallen.
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Doch die Prälaten! Nach vier Jahren stand
65
Es wieder anders, da erhellten fern
66
Die Scheiterhaufen das erschreckte Land,
67
Und jene sangen: »Lobet Gott den Herrn!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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