Deutsche Barden

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Adelbert von Chamisso: Deutsche Barden (1809)

1
Es schimmerten in rötlich heller Pracht
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Die schnee'gen Gipfel über mir; es lagen
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Die Täler tief und fern in dunkler Nacht.
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Der frühe Nebel ward empor getragen;
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Ich sah ihn in den Schluchten bald zerfließen,
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Bald über mich die feuchte Hülle schlagen,
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Den Bergstrom hört ich brausend sich ergießen,
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Das starre Meer des Gletschers sich zerspalten,
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Und donnernde Lauvinen niederschießen.
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Ich hatte Müh den steilen Pfad zu halten,
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Auf dem ich klomm zum hohen Bergestor,
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Von wo die Blicke ostwärts sich entfalten.
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Und wie ich zu der Höhe mich empor
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Geschwungen hatte, traf mit heim'schem Klange
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Hochdeutsche Mundart lockend mir das Ohr.
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Ich stand gefesselt und ich lauschte lange,
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Und hörte der gewalt'gen Rede Fluten
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Melodisch schwellend werden zum Gesange.
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Es stand der Sänger einsam, in die Gluten
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Der Sonne starrend, die sich nun erhoben
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Aus Wolken, die am Horizonte ruhten.
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Der Schleier, blutigrot aus Dunst gewoben,
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Auf ebne, weite Landschaft ausgebreitet;
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Das tiefe Blau der Himmelswölbung oben;
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Die Bilder, so der Morgen hier bereitet,
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Sie wurden auf der Griechen Heldenkampf
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Verherrlichend vom Liede hingeleitet.
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Ich hört ihm zu, sah über Blut und Dampf
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Die Freiheitssonne Hellas' sich erheben,
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Das Leben siegen ob dem Todeskrampf:
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»du goldne Freiheit, bist das Licht, das Leben;
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Die blut'ge Taufe tilgt der Ketten Schmach;
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Du hast dir, Heldenvolk, das Sein gegeben.«
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Er schwieg, ich lauschte noch; vortretend sprach
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Den Mann ich an mit dargereichter Rechten:
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»du deutscher Bard', der sich die Palme brach,
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Du siehst mein Aug von deines Liedes Mächten
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Geschmückt noch mit der Tränen Perlenzier,
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Und nicht ob meinem Antrag wirst du rechten.
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Ich bin ein Deutscher, so wie du, und mir
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Entströmet der Gesang aus Herzens Grunde
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Um Freiheit, Recht und Glauben, so wie dir.
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Die Wildnis bringt uns näher und die Stunde,
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Was in der Brust wir tragen und im Schilde;
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O reiche mir die Hand zu heil'gem Bunde!«
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Drauf er mit Wehmut lächelnd und mit Milde:
47
»mich freut in deinem Aug der Widerschein
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Von dem aus mir hervorgeblühten Bilde.
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Doch blicke hier ins offne Tal hinein:
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Du wirst auf jenem Pfade niedersteigen,
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Und Mensch dort unten unter Menschen sein.
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Dein Wille, deine Kraft, sie sind dein eigen;
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Du magst mit Lieb und Haß ins Triebrad greifen,
54
Und magst, so wie du bist, dich offen zeigen.
55
Dort wird der Freundschaft edle Frucht dir reifen,
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Dort gilt der Wärme glückliche Gewalt,
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Die es verschmäht zu diesen Höhn zu schweifen.
58
Blick um uns her, wie lebensleer und kalt
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Die starren Zinnen des Gebirges trauern;
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Hier ist mein winterlicher Aufenthalt.
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Sie sind der Völkerfreiheit feste Mauern,
62
Und sammeln still die Wolken für das Tal
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Zu Quellensegen und zu Regenschauern.
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Ich haus in Sturm und Wolken hier zumal;
65
Dem dieser Alpen ist mein Schaffen gleich,
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Ob aber liebend, ob aus freier Wahl –?
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Wer blickt in meines Herzens Schattenreich?
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Wer fragt nach mir, der einsam ich verbannt
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Aus menschlicher Genossenschaft Bereich?
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Die flücht'ge Stunde, wo du mich erkannt,
71
Du magst in der Erinnerung sie feiern,
72
Wir sind getrennt, so bald ich mich genannt –
73
Ich bin der König Ludewig von Baiern.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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