Der vertriebene König

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Adelbert von Chamisso: Der vertriebene König (1809)

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Die alle freien Stimmen ihr verdächtigt,
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So ihr, dasjenige euch vorzusagen,
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Was nur ihr hören wollt, nicht selbst ermächtigt;
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Vernehmt die Stimme denn uralter Sagen;
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Hie bin ich, schlicht die Worte des Verstandes
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Aus eurer Väter Zeit euch vorzutragen.
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Es war einmal ein König Griechenlandes,
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Dem segnend der Allmächtige verliehen
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Macht, Weisheit und die Liebe seines Landes.
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Er ließ von Weisen seinen Sohn erziehen;
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Die kamen denn und sprachen: »Nimm ihn hin
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Und prüf ihn, unser Werk ist wohl gediehen.«
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Und daß er prüfe seines Sohnes Sinn,
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Hieß vieles Gold aus seines Schatzes Hallen
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Er holen und es legen vor ihn hin.
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Und vor den Rittern und Baronen allen,
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Das Gold ihm schenkend, sprach er zu dem Sohne:
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»verwende dies nach deinem Wohlgefallen«,
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Und er befahl, die andern sollten, ohne
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Ihm Rat zu geben, scharf auf ihn nur sehen,
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Und dann Bericht erstatten vor dem Throne.
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Da sah der Königssohn vorübergehen
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Die Karavanen aus den fernsten Orten,
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Und hieß die Reisenden ihm Rede stehen.
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Gewandt und kühn, mit wohlerwognen Worten
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Sprach einer: »Herr, ich bin ein Handelsmann
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Und mir gehören die Kamele dorten.
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Durch eigene Betriebsamkeit gewann
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Ich Schätze, die ich keinem sonst verdanke,
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Da mir das Land und mancher danken kann.«
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Ein zweiter sprach, verloren in Gedanken, –
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Er wäre lieber unbefragt geblieben, –
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Indem zur Erde seine Blicke sanken:
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»ich bin der König Syriens, den vertrieben
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Die aufgeregten Völker; mein Verhalten
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War so, daß sie die Schuld mir zugeschrieben.«
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Und alles Gold, worüber er zu schalten,
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Gab diesem alsobald das Königskind,
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Darob entrüstet die Barone schalten.
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Sie klagten vor dem Throne: »Herr, es sind
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Nicht deines Sohnes Taten lobenswert;
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Er schlug der Weisheit Lehren in den Wind,
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Er ließ den Wohlverdienten unbeehrt,
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Indem er unbesonnen seine Gabe
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Dem andern Unbesonnenen beschert.«
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Es wurde vorgefodert nun der Knabe,
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Daß Rechenschaft er gäbe, wie verwendet
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Das seiner Hand vertraute Gut er habe.
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»ich habe nichts verschenkt und nichts verschwendet«,
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Sprach zuversichtlich da der Königssohn,
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»und nicht vom Würdigen mich abgewendet.
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Bezahlet hab ich nur verdienten Lohn;
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Von dem ich nichts gelernt, den ließ ich ziehen,
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Des andern Lehre galt um meinen Thron,
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Sein Beispiel hat mir gellend zugeschrieen:
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Nur mächtig ist, den seine Völker lieben,
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Denn über uns ist ihnen Macht verliehen.
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Was ich ihm gab, sein Schuldner bin ich blieben.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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