Abdallah

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Adelbert von Chamisso: Abdallah (1828)

1
Abdallah liegt behaglich am Quell der Wüste und ruht,
2
Es weiden um ihn die Kamele, die achtzig, sein ganzes Gut;
3
Er hat mit Kaufmannswaren Balsora glücklich erreicht,
4
Bagdad zurück zu gewinnen, wird ledig die Reise ihm leicht.

5
Da kommt zur selben Quelle, zu Fuß am Wanderstab,
6
Ein Derwisch ihm entgegen den Weg von Bagdad herab.
7
Sie grüßen einander, sie setzen beisammen sich zum Mahl,
8
Und loben den Trunk der Quelle, und loben Allah zumal.

9
Sie haben um ihre Reise teilnehmend einander befragt,
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Was jeder verlangt zu wissen, willfährig einander gesagt,
11
Sie haben einander erzählet von dem und jenem Ort,
12
Da spricht zuletzt der Derwisch ein gar bedächtig Wort:

13
»ich weiß in dieser Gegend, und kenne wohl den Platz,
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Und könnte dahin dich führen, den unermeßlichsten Schatz.
15
Man möchte daraus belasten mit Gold und Edelgestein
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Wohl achtzig, wohl tausend Kamele, es würde zu merken nicht sein.«

17
Abdallah lauscht betroffen, ihn blendet des Goldes Glanz,
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Es rieselt ihm kalt durch die Adern und Gier erfüllt ihn ganz:
19
»mein Bruder, hör, mein Bruder, o führe dahin mich gleich!
20
Dir kann der Schatz nicht nützen, du machst mich glücklich und reich.

21
Laß dort mit Gold uns beladen die achtzig Kamele mein,
22
Nur achtzig Kameleslasten, es wird zu merken nicht sein.
23
Und dir, mein Bruder, verheiß ich, zu deines Dienstes Sold,
24
Das beste von allen, das stärkste, mit seiner Last von Gold.«

25
Darauf der Derwisch: »Mein Bruder, ich hab es anders gemeint,
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Dir vierzig Kamele, mir vierzig, das ist, was billig mir scheint,
27
Den Wert der vierzig Tiere empfängst du millionenfach,
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Und hätt ich geschwiegen, mein Bruder, o denke, mein Bruder, doch nach.«

29
»wohlan, wohlan, mein Bruder, laß gleich uns ziehen dahin,
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Wir teilen gleich die Kamele, wir teilen gleich den Gewinn.«
31
Er sprach's, doch taten ihm heimlich die vierzig Lasten leid,
32
Dem Geiz in seinem Herzen gesellte sich der Neid.

33
Und so erhoben die beiden vom Lager sich ohne Verzug,
34
Abdallah treibt die Kamele, der Derwisch leitet den Zug.
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Sie kommen zu den Hügeln; dort öffnet, eng und schmal,
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Sich eine Schlucht zum Eingang in ein geräumig Tal.

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Schroff, überhangend umschließet die Felswand rings den Raum,
38
Noch drang in diese Wildnis des Menschen Fuß wohl kaum.
39
Sie halten; bei den Tieren Abdallah sich verweilt,
40
Der sie, der Last gewärtig, in zwei Gefolge verteilt.

41
Indessen häuft der Derwisch am Fuß der Felsenwand
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Verdorrtes Gras und Reisig und steckt den Haufen in Brand;
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Er wirft, so wie die Flamme sich prasselnd erhebt, hinein
44
Mit seltsamem Tun und Reden viel kräftige Spezerein.

45
In Wirbeln wallt der Rauch auf, verfinsternd schier den Tag,
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Die Erde bebt, es dröhnet ein starker Donnerschlag,
47
Die Finsternis entweichet, der Tag bricht neu hervor,
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Es zeigt sich in dem Felsen ein weitgeöffnet Tor.

49
Es führt in prächtige Hallen, wie nimmer ein Aug sie geschaut,
50
Aus Edelgestein und Metallen von Geistern der Tiefen erbaut,
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Es tragen goldne Pilaster ein hohes Gewölb von Krystall,
52
Hellfunkelnde Karfunkeln verbreiten Licht überall.

53
Es lieget zwischen den goldnen Pilastern, unerhört,
54
Das Gold hoch aufgespeichert, des Glanz den Menschen betört,
55
Es wechseln mit den Haufen des Goldes, die Hallen entlang,
56
Demanten, Smaragden, Rubinen, dazwischen nur schmal der Gang.

57
Abdallah schaut's betroffen, ihn blendet des Goldes Glanz,
58
Es rieselt ihm kalt durch die Adern und Gier erfüllt ihn ganz.
59
Sie schreiten zum Werke; der Derwisch hat klug sich Demanten erwählt,
60
Abdallah wühlet im Golde, im Golde, das nur ihn beseelt.

61
Doch bald begreift er den Irrtum und wechselt die Last und tauscht
62
Für Edelgestein und Demanten das Gold, des Glanz ihn berauscht,
63
Und was er fort zu tragen die Kraft hat, minder ihn freut,
64
Als was er liegen muß lassen, ihn heimlich wurmt und reut.

65
Geladen sind die Kamele, schier über ihre Kraft,
66
Abdallah sieht mit Staunen, was ferner der Derwisch schafft.
67
Der geht den Gang zu Ende und öffnet eine Truh,
68
Und nimmt daraus ein Büchschen, und schlägt den Deckel zu.

69
Es ist von schlichtem Holze und was darin verwahrt,
70
Gleich wertlos, scheint nur Salbe, womit man salbt den Bart;
71
Er hat es prüfend betrachtet, das war das rechte Geschmeid,
72
Er steckt es wohlgefällig in sein gefaltet Kleid.

73
Drauf schreiten hinaus die beiden und draußen auf dem Plan
74
Vollbringt der Derwisch die Bräuche, wie er's beim Eintritt getan;
75
Der Schatz verschließt sich donnernd, ein jeder übernimmt
76
Die Hälfte der Kamele, die ihm das Los bestimmt.

77
Sie brechen auf und wallen zum Quell der Wüste vereint,
78
Wo sich die Straßen trennen, die jeder zu nehmen meint;
79
Dort scheiden sie und geben einander den Bruderkuß;
80
Abdallah erzeigt sich erkenntlich mit tönender Worte Erguß.

81
Doch, wie er abwärts treibet, schwillt Neid in seiner Brust,
82
Des andern vierzig Lasten, sie dünken ihn eigner Verlust:
83
Ein Derwisch, solche Schätze, die eignen Kamele, – das kränkt
84
Und was bedarf der Schätze, wer nur an Allah denkt?

85
»mein Bruder, hör mein Bruder!« – so folgt er seiner Spur –
86
»nicht um den eignen Vorteil, ich denk an deinen nur,
87
Du weißt nicht, welche Sorgen und weißt nicht, welche Last
88
Du, Guter, an vierzig Kamelen dir aufgebürdet hast.

89
Noch kennst du nicht die Tücke, die in den Tieren wohnt,
90
O glaub es mir, der Mühen von Jugend auf gewohnt,
91
Versuch ich's wohl mit achtzig, dir wird's mit vierzig zu schwer,
92
Du führst vielleicht noch dreißig, doch vierzig nimmermehr.«

93
Darauf der Derwisch: »Ich glaube, daß Recht du haben magst,
94
Schon dacht ich bei mir selber, was du, mein Bruder, mir sagst.
95
Nimm, wie dein Herz begehret, von diesen Kamelen noch zehn,
96
Du sollst von deinem Bruder nicht unbefriedigt gehn.«

97
Abdallah dankt und scheidet und denkt in seiner Gier:
98
Und wenn ich zwanzig begehrte, der Tor, er gäbe sie mir.
99
Er kehrt zurück im Laufe, es muß versuchet sein,
100
Er ruft, ihn hört der Derwisch und harret gelassen sein.

101
»mein Bruder, hör, mein Bruder, o traue meinem Wort,
102
Du kommst, unkundig der Wartung, mit dreißig Kamelen nicht fort,
103
Die widerspenstigen Tiere sind störriger, denn du denkst,
104
Du machst es dir bequemer, wenn du mir zehen noch schenkst.«

105
Darauf der Derwisch: »Ich glaube, daß Recht du haben magst,
106
Schon dacht ich bei mir selber, was du, mein Bruder, mir sagst.
107
Nimm, wie dein Herz begehret, von diesen Kamelen noch zehn,
108
Du sollst von deinem Bruder nicht unbefriedigt gehn.«

109
Und wie so leicht gewähret, was kaum er sich gedacht,
110
Da ist in seinem Herzen erst recht die Gier erwacht;
111
Er hört nicht auf, er fodert, wohl ohne sich zu scheun,
112
Noch zehen von den zwanzig und von den zehen neun.

113
Das eine nur, das letzte, dem Derwisch übrig bleibt,
114
Noch dies ihm abzufodern des Herzens Gier ihn treibt;
115
Er wirft sich ihm zu Füßen, umfasset seine Knie:
116
»du wirst nicht

117
»so nimm das Tier, mein Bruder, wonach dein Herz begehrt,
118
Es ist, daß trauernd du scheidest von deinem Bruder, nicht wert.
119
Sei fromm und weis im Reichtum, und beuge vor Allah dein Haupt,
120
Der, wie er Schätze spendet, auch Schätze wieder raubt.«

121
Abdallah dankt und scheidet und denkt in seinem Sinn:
122
Wie mochte der Tor verscherzen so leicht den reichen Gewinn?
123
Da fällt ihm ein das Büchschen: das ist das rechte Geschmeid,
124
Wie barg er's wohlgefällig in sein gefaltet Kleid!

125
Er kehrt zurück: »Mein Bruder, mein Bruder! auf ein Wort,
126
Was nimmst du doch das Büchschen, das schlechte, mir dir noch fort?
127
Was soll dem frommen Derwisch der weltlich eitle Tand?« –
128
»so nimm es«, spricht der Derwisch und legt es in seine Hand.

129
Ein freudiges Erschrecken den Zitternden befällt,
130
Wie er auch noch das Büchschen, das rätselhafte, hält;
131
Er spricht kaum dankend weiter: »So lehre mich nun auch,
132
Was hat denn diese Salbe für einen besondern Gebrauch?«

133
Der Derwisch: »Groß ist Allah, die Salbe wunderbar.
134
Bestreichst du dein linkes Auge damit, durchschauest du klar
135
Die Schätze, die schlummernden alle, die unter der Erde sind;
136
Bestreichst du dein rechtes Auge, so wirst du auf beiden blind.«

137
Und selber zu versuchen die Tugend, die er kennt,
138
Der wunderbaren Salbe, Abdallah nun entbrennt:
139
»mein Bruder, hör, mein Bruder, du machst es besser, traun!
140
Bestreiche mein Auge, das linke, und laß die Schätze mich schaun.«

141
Willfährig tut's der Derwisch, da schaut er unterwärts
142
Das Gold in Kammern und Adern, das gleißende, schimmernde Erz;
143
Demanten, Smaragden, Rubinen, Metall und Edelgestein,
144
Sie schlummern unten und leuchten mit seltsam lockendem Schein.

145
Er schaut's und starrt betroffen, ihn blendet des Goldes Glanz,
146
Es rieselt ihm kalt durch die Adern und Gier erfüllt ihn ganz.
147
Er denkt: würd auch bestrichen mein rechtes Auge zugleich,
148
Vielleicht besäß ich die Schätze und würd unermeßlich reich.

149
»mein Bruder, hör, mein Bruder, zum letzten Mal mich an,
150
Bestreiche mein rechtes Auge, wie du das linke getan,
151
Noch diese meine Bitte, die letzte, gewähre du mir,
152
Dann scheiden unsere Wege und Allah sei mit dir.«

153
Darauf der Derwisch: »Mein Bruder, nur Wahrheit sprach mein Mund,
154
Ich mache dir die Kräfte von deiner Salbe kund.
155
Ich will, nach allem Guten, das ich dir schon erwies,
156
Die strafende Hand nicht werden, die dich ins Elend stieß.«

157
Nun hält er fest am Glauben und brennt vor Ungeduld,
158
Den Neid, die Schuld des Herzens, gibt er dem Derwisch schuld,
159
Daß dieser so sich weigert, das ist für ihn der Sporn,
160
Der Gier in seinem Herzen gesellet sich der Zorn.

161
Er spricht mit höhnischem Lachen: »Du hältst mich für ein Kind;
162
Was sehend auf einem Auge, macht nicht auf dem andern mich blind,
163
Bestreiche mein rechtes Auge, wie du das linke getan,
164
Und wisse, daß, falls du mich reizest, Gewalt ich brauchen kann.«

165
Und wie er noch der Drohung die Tat hinzugefügt,
166
Da hat der Derwisch endlich stillschweigend ihm genügt,
167
Er nimmt zur Hand die Salbe, sein rechtes Aug er bestreicht – –
168
Die Nacht ist angebrochen, die keinem Morgen weicht.

169
»o Derwisch, arger Derwisch, du doch die Wahrheit sprachst,
170
Nun heile, kenntnisreicher, was selber du verbrachst.« –
171
»ich habe nichts verbrochen, dir ward, was du gewollt,
172
Du stehst in Allahs Händen, der alle Schulden zollt.«

173
Er fleht und schreit vergebens und wälzet sich im Staub,
174
Der Derwisch abgewendet bleibt seinen Klagen taub;
175
Der sammelt die achtzig Kamele und gen Balsora treibt,
176
Derweil Abdallah verzweifelnd am Quell der Wüste verbleibt.

177
Die nicht er schaut, die Sonne vollbringet ihren Lauf,
178
Sie ging am andern Morgen, am dritten wieder auf,
179
Noch lag er da verschmachtend; ein Kaufmann endlich kam,
180
Der nach Bagdad aus Mitleid den blinden Bettler nahm.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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