Die Giftmischerin

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Adelbert von Chamisso: Die Giftmischerin (1809)

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Dies hier der Block und dorten klafft die Gruft.
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Laßt einmal noch mich atmen diese Luft,
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Und meine Leichenrede selber halten.
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Was schauet ihr mich an so grausenvoll?
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Ich führte Krieg, wie jeder tut und soll,
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Gen feindliche Gewalten.
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Ich tat nur eben, was ihr alle tut,
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Nur besser; drum, begehret ihr mein Blut,
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So tut ihr gut.

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Es sinnt Gewalt und List nur dies Geschlecht;
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Was will, was soll, was heißet denn das Recht?
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Hast du die Macht, du hast das Recht auf Erden.
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Selbstsüchtig schuf der Stärkre das Gesetz,
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Ein Schlächterbeil zugleich und Fangenetz
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Für Schwächere zu werden.
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Der Herrschaft Zauber aber ist das Geld:
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Ich weiß mir Beßres nichts auf dieser Welt,
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Als Gift und Geld.

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Ich habe mich aus tiefer Schmach entrafft,
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Vor Kindermärchen Ruhe mir geschafft,
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Die Schrecken vor Gespenstern überwunden.
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Das Gift erschleicht im Dunkeln Geld und Macht,
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Ich hab es zum Genossen mir erdacht,
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Und hab es gut befunden.
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Hinunter stieß ich in das Schattenreich
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Mann, Brüder, Vater, und ich ward zugleich
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Geehrt und reich.

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Drei Kinder waren annoch mir zur Last,
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Drei Kinder meines Leibes; mir verhaßt,
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Erschwerten sie mein Ziel mir zu erreichen.
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Ich habe sie vergiftet, sie gesehn,
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Zu mir um Hülfe rufend, untergehn,
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Bald stumme, kalte Leichen.
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Ich hielt die Leichen lang auf meinem Schoß,
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Und schien mir, sie betrachtend tränenlos,
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Erst stark und groß.

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Nun frönt ich sicher heimlichem Genuß,
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Mein Gift verwahrte mich vor Überdruß
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Und ließ die Zeugen nach der Tat verschwinden.
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Daß Lust am Gift, am Morden ich gewann,
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Wer, was ich tat, erwägt und fassen kann,
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Der wird's begreiflich finden.
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Ich teilte Gift wie milde Spenden aus,
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Und weilte lüstern Auges, wo im Haus
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Der Tod hielt Schmaus.

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Ich habe mich zu sicher nur geglaubt,
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Und büß es billig mit dem eignen Haupt,
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Daß ich der Vorsicht einmal mich begeben.
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Den Fehl, den einen Fehl bereu ich nur,
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Und gäbe, zu vertilgen dessen Spur,
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Wie viele eurer Leben!
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Du, schlachte mich nun ab, es muß ja sein.
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Ich blicke starr und fest vom Rabenstein
54
Ins Nichts hinein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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