Die Sonne bringt es an den Tag

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Adelbert von Chamisso: Die Sonne bringt es an den Tag (1809)

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Gemächlich in der Werkstatt saß
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Zum Frühtrunk Meister Nikolas,
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Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,
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Es war im heitern Sonnenschein. –
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Die Sonne bringt es an den Tag.

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Die Sonne blinkt von der Schale Rand,
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Malt zitternde Kringeln an die Wand,
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Und wie den Schein er ins Auge faßt,
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So spricht er für sich, indem er erblaßt:
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»du bringst es doch nicht an den Tag.«

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»wer nicht? was nicht?« die Frau fragt gleich,
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»was stierst du so an? was wirst du so bleich?«
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Und er darauf: »Sei still, nur still;
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Ich's doch nicht sagen kann, noch will.
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Die Sonne bringt's nicht an den Tag.«

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Die Frau nur dringender forscht und fragt,
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Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt,
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Mit süßem und mit bitterm Wort,
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Sie fragt und plagt ihn fort und fort:
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»was bringt die Sonne nicht an den Tag?«

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»nein, nimmermehr!« – »Du sagst es mir noch.«
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»ich sag es nicht.« – »Du sagst es mir doch.« –
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Da ward zuletzt er müd und schwach,
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Und gab der Ungestümen nach. –
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Die Sonne bringt es an den Tag.

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»auf der Wanderschaft, 's sind zwanzig Jahr,
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Da traf es mich einst gar sonderbar,
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Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh',
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War hungrig und durstig und zornig dazu. –
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Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

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Da kam mir just ein Jud in die Quer,
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Ringsher war's still und menschenleer:
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Du hilfst mir, Hund, aus meiner Not;
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Den Beutel her, sonst schlag ich dich tot!
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Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

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Und er: Vergieße nicht mein Blut,
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Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!
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Ich glaubt ihm nicht, und fiel ihn an;
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Er war ein alter, schwacher Mann –
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Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

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So rücklings lag er blutend da,
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Sein brechendes Aug in die Sonne sah;
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Noch hob er zuckend die Hand empor,
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Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr:
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Die Sonne bringt es an den Tag.

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Ich macht ihn schnell noch vollends stumm,
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Und kehrt ihm die Taschen um und um:
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Acht Pfenn'ge, das war das ganze Geld.
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Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld –
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Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

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Dann zog ich weit und weiter hinaus,
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Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. –
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Du weißt nun meine Heimlichkeit,
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So halte den Mund und sei gescheit;
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Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

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Wann aber sie so flimmernd scheint,
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Ich merk es wohl, was sie da meint,
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Wie sie sich müht und sich erbost, –
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Du, schau nicht hin, und sei getrost:
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Sie bringt es doch nicht an den Tag.«

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So hatte die Sonn eine Zunge nun,
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Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. –
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Gevatterin, um Jesus Christ!
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Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt. –
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Nun bringt's die Sonne an den Tag.

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Die Raben ziehen krächzend zumal
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Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl.
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Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?
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Was hat er getan? wie ward es kund?
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Die Sonne bracht es an den Tag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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