Die Löwenbraut

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Adelbert von Chamisso: Die Löwenbraut (1827)

1
Mit der Myrte geschmückt und dem Brautgeschmeid,
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Des Wärters Tochter, die rosige Maid,
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Tritt ein in den Zwinger des Löwen; er liegt
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Der Herrin zu Füßen, vor der er sich schmiegt.

5
Der Gewaltige, wild und unbändig zuvor,
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Schaut fromm und verständig zur Herrin empor;
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Die Jungfrau, zart und wonnereich,
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Liebstreichelt ihn sanft und weinet zugleich:

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»wir waren in Tagen, die nicht mehr sind,
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Gar treue Gespielen wie Kind und Kind,
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Und hatten uns lieb, und hatten uns gern;
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Die Tage der Kindheit, sie liegen uns fern.

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Du schütteltest machtvoll, eh wir's geglaubt,
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Dein mähnen-umwogtes, königlich Haupt;
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Ich wuchs heran, du siehst es, ich bin
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Das Kind nicht mehr mit kindischem Sinn.

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O wär ich das Kind noch und bliebe bei dir,
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Mein starkes, getreues, mein redliches Tier;
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Ich aber muß folgen, sie taten's mir an,
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Hinaus in die Fremde dem fremden Mann.

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Es fiel ihm ein, daß schön ich sei,
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Ich wurde gefreiet, es ist nun vorbei; –
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Der Kranz im Haare, mein guter Gesell,
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Und nicht vor Tränen die Blicke mehr hell.

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Verstehst du mich ganz? schaust grimmig dazu;
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Ich bin ja gefaßt, sei ruhig auch du;
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Dort seh ich ihn kommen, dem folgen ich muß,
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So geb ich denn, Freund, dir den letzten Kuß!«

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Und wie ihn die Lippe des Mädchens berührt,
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Da hat man den Zwinger erzittern gespürt;
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Und wie er am Gitter den Jüngling erschaut,
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Erfaßt Entsetzen die bangende Braut.

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Er stellt an die Tür sich des Zwingers zur Wacht,
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Er schwinget den Schweif, er brüllet mit Macht;
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Sie flehend, gebietend und drohend begehrt
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Hinaus; er im Zorn den Ausgang wehrt.

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Und draußen erhebt sich verworren Geschrei,
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Der Jüngling ruft: »Bringt Waffen herbei;
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Ich schieß ihn nieder, ich treff ihn gut!«
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Auf brüllt der Gereizte, schäumend vor Wut.

41
Die Unselige wagt's, sich der Türe zu nahn,
42
Da fällt er verwandelt die Herrin an;
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Die schöne Gestalt, ein gräßlicher Raub,
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Liegt blutig, zerrissen, entstellt in dem Staub.

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Und wie er vergossen das teure Blut,
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Er legt sich zur Leiche mit finsterem Mut,
47
Er liegt so versunken in Trauer und Schmerz,
48
Bis tödtlich die Kugel ihn trifft in das Herz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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