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Adelbert von Chamisso: 4 (1809)

1
Und bald sprang auf ein verschlossenes Tor;
2
Der Pabst Anselmo trat hervor,
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Und ward geweiht in Sankt Petri Dom;
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Ihm jauchzte entgegen das heilige Rom.

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Darauf von den hohen Stufen herab
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Er urbi et orbi den Segen gab,
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Und sah vor seiner Heiligkeit
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Sich beugen die sämtliche Christenheit.

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Dann eilten herbei von nah und fern
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Die Abgesandten der Fürsten und Herrn,
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Den Fuß in Demut zu küssen bestellt
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Dem dreimalgekrönten Beherrscher der Welt.

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Drauf saß er geruhig im Vatikan,
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Der niedern Sorgen abgetan,
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Und nicht war an Lust und Freuden karg
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Der enge Raum, der ihn verbarg.

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Der Tisch war gut, die Pfühle weich,
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Der Kämmerling dem geübtesten gleich;
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Ein Kardinal ging ihm zur Hand,
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Der Lesen und Schreiben trefflich verstand.

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Und was das lästige Volk betrifft,
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Das nicht zufrieden noch mit der Schrift,
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Redselig uns oft viel Kummer macht, –
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Da hielten die Pförtner schon gute Wacht.

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Die Sonne stieg am Morgen auf,
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Beschloß am Abend ihren Lauf,
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Es wurde Tag, es wurde Nacht,
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Und alles ging, wie hergebracht.

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Der Frühling kam mild, der Sommer warm,
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Der Herbst kam reich, der Winter arm;
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Es wurde Tag, und wurde Nacht,
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Und alles ging, wie hergebracht.

33
Da wiegte der Heilige Vater sein Haupt
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Und sprach: »Ich hätte nimmer geglaubt,
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Bevor ich selber die Macht erreicht,
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Es sei die Welt zu regieren so leicht.«

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Und wie im Traum ein Bild uns erscheint,
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Das längst wir tot und verschollen gemeint,
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Trat einst ein Vergessener mahnend vor ihn,
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Der schier ihm unheimlich, gespenstisch erschien:

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»ich bin's, Herr Vetter; erkennt Ihr mich nicht?
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Es ist Yglano, der mit Euch spricht;
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Ich ließ Euch Zeit, ich hatte Geduld;
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Nun komm ich einzufodern die Schuld.«

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Errötend, erblassend in einem Nu,
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Sprang auf der Pabst und schrie ihm zu:
47
»hinweg aus meinem Angesicht!
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Hinweg! entfleuch! ich kenne dich nicht.«

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Yglano blieb geruhig, und trat
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Zwei Schritte noch vor, dann lächelnd tat
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Er auf den Mund mit leisem Hohn,
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Und sprach in schaurig flüsterndem Ton:

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»o Dankbarkeit, du süße Pflicht,
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Du Himmelslust, du Himmelslicht!
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Wie hat sich dieser dich eingeprägt?
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Wie hat er stets dich heilig gehegt?

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Ich zog dich, Wurm, aus deinem Staub,
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Und mästete dich mit der Kirche Raub;
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Du stiegest und stiegest im schwindelnden Flug
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Auf meinen Flügeln, nichts galt dir genug.

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Ich machte, nach deiner gierigen Wahl,
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Zum Bischof dich, zum Kardinal,
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Und machte dich gar am Ende zum Pabst, –
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Wo blieb das Wort, das du mir gabst?«

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Der Heilige Vater hub an zu schrein:
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»wer ließ mir den groben Gesellen herein?
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Trabanten und Wachen herbei! wir sind
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Gefährdet, ergreift den Alten geschwind!«

69
Da keiner erschien, fuhr Yglano fort:
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»erfülle mir, Pabst, dein gegebenes Wort;
71
Zum andern, zum dritten, fodr ich dich auf,
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Ich, welcher noch lenkt des Geschickes Lauf.«

73
Und laut und lauter inzwischen erscholl
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Die Stimme des Pabstes, er schrie wie toll:
75
»verruchter! Zauberer! Ketzer! dein Lohn,
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Der Scheiterhaufen erwartet dich schon!«

77
Yglano darauf: »Herr Vetter, Ihr wißt
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Aus Erfahrung jetzt, was des Brauches ist:
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Ein jeder für sich; – was frommte mir nun
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Das Allergeringste für Euch zu tun?«

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Dann trat er vor ihn und gab ihm zugleich
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Mit fliegender Hand einen Backenstreich;
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Anselmo starrte erwachend empor;
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Ihm schallten die letzten Worte im Ohr.

85
Er sah sich um; im Büchersaal
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Yglanos stand er, wie dazumal;
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Zerlumpt, das Stundenglas in der Hand,
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Und unvermindert rann der Sand.

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Dort stand Frau Martha und schenkte den Wein
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Mit erhobener Hand in den Humpen ein,
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Und wie er gefüllt bis zum Rande war,
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So reichte sie ihn dem Hausherrn dar.

93
Yglano nahm den Humpen und trank,
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Und setzte ihn weg, und sagte: »Schön Dank!«
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Erbat sich sodann das Stundenglas,
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Und stellte es hin zu dem Tintenfaß.

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Und sprach: »Wir haben uns bedacht,
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Frau Martha; ein einziges Huhn zu Nacht. –
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Es tut, Herr Vetter, mir herzlich leid
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Daß Ihr zu fasten gesonnen seid.

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So lebt denn wohl! – Frau Martha, das Licht,
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Daß nicht der Vetter den Hals noch bricht;
103
Ihr leuchtet ihm hübsch die Treppe hinab,
104
Und schließt die Haustür hinter ihm ab.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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