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Adelbert von Chamisso: 2 (1809)

1
Die Boten sind kommen, Anselmo, du bist
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Bischof geworden zu dieser Frist;
3
Vernimmst du's? Bischof! erschrickt dir vor Lust
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Das schlagende Herz in der schwellenden Brust?

5
Wirf ab die schlechten Lumpen geschwind,
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Die grau und zerschlitzet vor Alter sind;
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Leg an das seidene Purpurgewand;
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Zum Segen lerne falten die Hand.

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Das Kreuz auf die Brust, das blinkende Ding,
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An deinen Finger den Siegelring;
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Leg an, Anselmo, den vollen Ornat,
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Und zeige dich uns als stolzer Prälat.

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Und wie im Palast er heimisch war,
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Umglitzerten rings ihn die Wände so klar,
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Er legte sich, strahlend vom Widerschein,
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Ins Fenster und sah in die Straße hinein.

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Da hätt er gerne die Leute gefragt:
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Ihr Lumpenvolk da unten, sagt,
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Wie nehm ich denn hier oben mich aus?
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Steht trefflich mir nicht das prächtige Haus?

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Doch ward es ihm bald zu öd und zu weit,
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Ihm graute schier in der Einsamkeit;
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Da kam ihm eine... Nichte nach,
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Von welcher man schon zu Toledo sprach.

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Hoffährtig war und launisch das Kind,
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Wie solche Nichten zu Zeiten es sind;
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Die trug nun auch ein seidenes Kleid
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Und brauchte Perlen und andres Geschmeid.

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Das Regiment, wie sich's gebührt,
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Ward bald allein von ihr geführt,
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Und Regen kam und Sonnenschein
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In Haus und Kirche von ihr allein.

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Wie wetterwendisch sie's immer trieb,
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Er ärgerte sich und hatte sie lieb,
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Und also kam es, bei Ärger und Spaß,
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Daß ganz er Vetter Yglano vergaß.

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Wie einst beim Vespern er fröhlich war,
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Bedünkte es ihn fast sonderbar;
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Die Tür ging auf und herein gewallt
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Erschien Yglanos vergeßne Gestalt.

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»gott grüß Euch, Herr Vetter; ich bin erfreut
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Euch wohl zu finden; mit nichten gereut
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Es mich, was immer ich für Euch getan,
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Sofern Ihr seid ein zufriedener Mann.

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Doch seht: die Welt ist kugelrund,
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Der Supplikant, der bin ich zur Stund,
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Entsinnt Euch, ich sprach Euch von meinem Sohn,
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Versorgt mir ihn jetzt, das sei mein Lohn.

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Die kleine Pfründe, die eben vakant
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Geworden ist, wie wohl Euch bekannt,
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Und die Ihr erst vergeben sollt,
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Die wäre so recht, was für ihn ich gewollt.« –

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»die Pfründe«, versetzte hastig die Maid,
54
»ist schon vergeben, es tut mir leid;
55
Mein Bruder bekommt sie; Ihr seht selbst ein,
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Das nächste Recht war doch wohl sein.

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Und nächstens, – künftig, – einst vielleicht
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Wird Eurem Sohn das Seine gereicht;
59
Geht's heut nicht an, ist's unsre Schuld?
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Der Vetter muß warten; Geduld! Geduld!« –

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»muß warten!« erhub in demselben Ton
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Der würdige Bischof seinen Sermon;
63
»ihr Bruder... mein Neffe... wir ändern es nicht;
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Die Sache verhält sich so, wie sie spricht.

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Ein Bistum ist kein Königreich!
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Ich werde geplagt dem Besten gleich,
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Von Schranken und aber Schranken beengt,
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Von Supplikanten und Bettlern bedrängt.

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Sie haben den Vorteil, ich habe die Qual;
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Ich kann nicht helfen allen zumal,
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Nicht jeden fördern nach seinem Begehr; –
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Ein Kardinal, der könnte schon mehr.

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Ja, Vetter, hättet Ihr mich gemacht
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Zum Kardinal, und entspräche die Macht
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Dem redlichen Willen des Herzens nur,
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So wollt ich Euch helfen, bei meinem Schwur!«

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Darauf mit großer Seelenruh
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Der Vetter Yglano: »Da drückt Euch der Schuh;
79
Der rote Hut, der rote Hut!
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Nicht wahr, das ist, was Not Euch tut?« –

81
Darauf erglühend im Angesicht
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Der geistliche Herr: »Ich leugn' es nicht,
83
Und wenn Ihr den mir noch verschafft,
84
So wahr mir helfe des Zaubers Kraft!«...

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Ihm fiel der Wundertäter ins Wort:
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»genug! kein Schwur ist hier am Ort;
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Ich lasse mich den Versuch nicht reun,
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Euch mag der rote Hut noch erfreun.«

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Er hub die Hand bedrohlich fast,
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Zog Kreis auf Kreis in die Luft mit Hast.
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»sie hocus pocus Schiboleth!
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Es wird erst Tag, wann die Nacht vergeht!« –

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Ihm schaute zu, und atmete kaum,
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Der geistliche Herr, wie im Fiebertraum;
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Das Wort war gesprochen, das Werk vollbracht;
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Er rieb sich die Augen, es war noch Nacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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