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Adelbert von Chamisso: 1 (1832)

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Noch war zu Toledo in hohem Flor
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Die heimliche Kunst, die sonst sich verlor;
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Ein weiser Meister war dort bekannt,
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Yglano, der Magier und Nekromant.

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Wie abends er einst vor dem Stundenglas
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In seinem Museum sinnend saß,
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Trat ein zu ihm demütig fast
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Sein Vetter Anselmo, ein seltener Gast. –

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»herr Vetter Anselmo, wie hat man das Glück?
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Was führt Euch endlich zu uns zurück?
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Ihr wart ja sonst auf der rechten Bahn,
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Was gingen Euch da die Verwandten an?« –

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»seid grausam nicht und ungerecht,
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Herr Vetter; versteht mich endlich recht.
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Mich hielt von Toledos leuchtendem Stern,
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Von Don Yglano nur Ehrfurcht fern.

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O wüßtet Ihr, wie der Busen mir schwoll,
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Wann Euer Lob mir entgegen erscholl!
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Wie stolz und jubelnd ich eingestimmt:
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Der ist uns allen zum Muster bestimmt!

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Der eine rief, der andere schrie:
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So einen sah die Welt noch nie,
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Der zaubermächtig und weise zugleich
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Beherrscht der Geister nächtliches Reich!

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Er ist das Gold der Wissenschaft,
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Und ist das Erz und ist die Kraft;
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So mannlich fest, so kindlich mild,
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So aller Tugend vollendetes Bild!

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Doch hat Euch einer zu tadeln gewußt,
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Den alle so preisen zu meiner Lust,
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Und dieser Tadel, daß Ihr es wißt,
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Ist eben der Wurm, der das Herz mir frißt.

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Er sprach: wie kommt es, wer macht mir das klar,
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Daß euer Löw und Lamm und Aar
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Den Biedermann, der sein Vetter doch ist,
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Den guten Anselmo so schmählich vergißt?« –

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»was sagtet denn Ihr, wenn ich bitten darf,
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Zu solchem Tadel, so spitz und scharf?
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Ich machte die Lehre mir gerne zu Nutz;
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Ihr nahmt mich, Vetter, doch wacker in Schutz?« –

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»vermocht ich es denn, der ich da stand
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Dem hämischen Kläger bequem zur Hand,
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Um so mich zu legen ad acta gleich,
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Zerlumpt, verhungert, hager und bleich?

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Ich frag Euch, o blickt doch auf mich herab,
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Sah je ein Bettler als Leiche im Grab
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Erbärmlicher aus? o tilgt doch die Schmach!
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Sie trifft Euch zumeist, wie der Neider sprach.

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Mir eine Pfründe, ein Bischofsstab!
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Das macht nur bald mit dem Teufel ab,
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Und ihm und Euch mit Haut und Haar
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Verschreib ich mich auf immerdar.« –

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»herr Vetter, Herr Vetter! ei, ei! mit Vergunst!
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Von Gott allein ist meine Kunst,
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Versteht mich recht, von Gott allein;
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Hab mit dem Teufel nichts gemein.« –

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»von Gott, versteht sich! sagt ich es nicht?
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Es ist der Hunger, der aus mir spricht.
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Mit Gott, Herr Vetter, verhelft mir zu Brod
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Und rechnet auf mich auf Leben und Tod!« –

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»ihr wolltet dankbar, erkenntlich sodann
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Vergelten, was Gutes ich Euch getan,
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Wann einen Gönner und Schutzpatron
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Ich einmal suchte für meinen Sohn?« –

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»ja, dankbar, ja! mit unendlicher Lust!
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Die Dankbarkeit ist die Tugend just,
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Die einz'ge vielleicht, deren, unverblümt,
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Mit Fug und Recht mein Herz sich rühmt.

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Man hat von mir Euch Böses gesagt,
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Mich manches Lasters angeklagt,
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Mich angeschwärzt zu aller Stund,
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Oft, leider! vielleicht nicht ohne Grund.

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Ich weiß, Herr Vetter, ich habe gefehlt,
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Das Gute versäumt, das Böse gewählt,
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Gewatet in Sünden bis an die Knie;
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Undankbar aber, das war ich nie.

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O Dankbarkeit, du süße Pflicht,
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Du Himmelslust, du Himmelslicht!
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Wie hab ich dich mir eingeprägt,
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Wie hab ich stets dich heilig gehegt!

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Und Euer vortrefflicher, teurer Sohn –
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Wie lieb ich den lieben Vetter doch schon!
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O welch ein Glück ist Dankbarkeit!
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O wär ich doch erst, Herr Vetter, so weit!« –

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»gemach, gemach! das liegt noch fern,
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Und nicht das Nächste versäum ich gern.
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Da kommt Frau Martha, die eben fragt,
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Was mir zum Abendessen behagt.

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So hört, Frau Martha; seid eben gefaßt –
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Nicht wahr, Herr Vetter? – auf einen Gast;
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Ihr habt zwei Hühner; das zweite Huhn
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Steckt erst an den Spieß, wenn ich's heiße tun.

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Jetzt aber nehmt die Flasche dort,
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Und dort den Humpen von seinem Ort,
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Und schenkt mir langsam den edlen Wein
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Von hoch, recht perlend und schäumend ein.

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Ihr, Vetter, indes kommt näher zu mir,
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In diesen Kreis auf dem Estrich hier;
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Da, nehmt das Stundenglas in die Hand,
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Und schaut nur scharf auf den rinnenden Sand.

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Es ist nur so ein Experiment.
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Ihr wißt den Anfang, ich weiß das End.
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Sie hocus pocus, bracadabra!
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Wir sind noch hier und wähnen uns da!« –

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Er hatte die Worte murmelnd gebraucht,
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Und heimlich zugleich ihn angehaucht;
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Anselmo stand die Augen verdreht
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Und starr, wie ein hölzerner Heiliger steht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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