Ein Lied von der Weibertreue

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Adelbert von Chamisso: Ein Lied von der Weibertreue (1809)

1
Sie haben zwei Tote zur Ruhe gebracht;
2
Der Hauptmann fiel in rühmlicher Schlacht,
3
Mit Ehren ward er beigesetzt,
4
Und der, den jüngst er wacker gehetzt,
5
Der Räuber hängt am Galgen.

6
Da hält die Wacht als Schildergast
7
Ein junger Landsknecht, verdrießlich fast;
8
Die Nacht ist kalt, er flucht und friert,
9
Und wird ihm geraubt, der den Galgen ziert,
10
So muß für ihn er hangen.

11
Im Grabgewölb bei des Hauptmanns
12
Leib Verweilt verzweiflungsvoll sein Weib,
13
Sie hat geschworen in bittrer Not,
14
Für ihn zu sterben den Hungertod;
15
Die Amme, zur Gesellschaft.

16
Die Amme spricht: »Gebieterin,
17
Ich habe geschworen nach Eurem Sinn;
18
Beklagt und lobt den sel'gen Herrn,
19
Da stimm ich mit ein, von Herzen gern,
20
Doch plagt mich sehr der Hunger.

21
Er war, so alt er war, gar gut,
22
Nicht eifersüchtig, von sanftem Mut;
23
Ach, edle Frau, Ihr findet zwar
24
Den zweiten nicht, wie der erste war,
25
Doch plagt mich sehr der Hunger.

26
Euch war's, es ist mir wohl bewußt,
27
Ein harter Schlag, ein großer Verlust;
28
Doch seid Ihr noch schön, doch seid Ihr noch jung,
29
Und könntet noch haben der Freude genung;
30
Es plagt mich sehr der Hunger!«

31
Die Amme so; und stumm beharrt
32
Die edle Frau im Schmerz erstarrt,
33
Erloschen scheint der Augen Licht,
34
Sie klaget nicht, sie weinet nicht,
35
Es plagt sie sehr der Hunger.

36
Und draußen bläst der Wind gar scharf;
37
Der Landsknecht läuft, so weit er darf,
38
Indem er sich zu erwärmen sucht;
39
Und wie er läuft, und wie er flucht,
40
So sieht ein Licht er schimmern.

41
Von wannen mag der Schimmer sein?
42
Er schleicht hinzu, er tritt hinein:
43
»gegrüßet mir, ihr edle Fraun;
44
Wie muß ich hier im Grabe schaun
45
So hoher Schönheit Schimmer!«

46
So staunend er; und stumm beharrt
47
Die edle Frau im Schmerz erstarrt,
48
Erloschen scheint der Augen Licht,
49
Sie klaget nicht, sie weinet nicht,
50
Es plagt sie sehr der Hunger.

51
Die Amme drauf: »Das seht Ihr ja,
52
Wir trauern um den Toten da;
53
Wir haben geschworen in bittrer Not,
54
Für ihn zu sterben den Hungertod,
55
Es plagt mich sehr der Hunger.«

56
Drauf er: »Das ist nicht wohlgetan,
57
Und hilft zu nichts dem toten Mann.
58
So schön! so jung! ihr seid nicht klug,
59
Es hat die Welt der Freude genug;
60
Entsetzlich nagt der Hunger!

61
Ich sage nur: ihr Frauen sollt
62
Mich essen sehn, dann tun, was ihr wollt.
63
Hier hab ich Brot, hier hab ich Wurst,
64
Hier eine Flasche für den Durst;
65
Es plagt auch mich der Hunger.«

66
Und wie er tut, was er gesagt,
67
Und ihm so wohl das Essen behagt,
68
Da sinkt der Alten ganz der Mut:
69
»ach! edle Frau, das schmeckt so gut!
70
Und, ach! mich plagt der Hunger!«

71
Drauf er: »So eßt, ich habe für zwei
72
Genug, und habe genug für drei,
73
Ich esse sonst allein für vier;
74
So eßt und trinkt getrost mit mir;
75
Das hilft schon für den Hunger.«

76
Die Amme versucht, auf gutes Glück,
77
Ein Stückchen erst und dann ein Stück;
78
Sie sieht der Herrin ins Angesicht;
79
Sie klaget nicht, sie weinet nicht,
80
Es plagt sie sehr der Hunger.

81
»ach, edle Frau, das schmeckt so gut,
82
Ihr wißt schon, wie der Hunger tut,
83
Was hat davon Euer Herr Gemahl?
84
Es sei genug für dieses Mal,
85
Entsetzlich nagt der Hunger!«

86
Er tritt zu ihr: »Versucht es nur.«
87
Sie aber spricht: »Mein Schwur! mein Schwur!«
88
Und stößt ihn dennoch nicht zurück,
89
Sie nimmt ein Stückchen und dann ein Stück,
90
Das hilft denn für den Hunger.

91
Er fällt vor ihr auf seine Knie:
92
»ich sah ein schöneres Weib noch nie,
93
Nur sollt Ihr hinfort mir klüger sein.
94
Nun muß ich gehen, gedenket mein,
95
Ich komme morgen wieder;

96
Nichts da von Lebensüberdruß!«
97
Er spricht's und raubt ihr einen Kuß,
98
Und stürzt hinaus, er ist schon fort;
99
Die Alte ruft: »So halt auch Wort,
100
Du lieber, lieber Landsknecht!«

101
Und ferner spricht sie zu der Frau:
102
»bedenk ich, Herrin, die Sache genau,
103
Er hat es gar nicht schlecht gemacht,
104
Und uns auf guten Weg gebracht,
105
Der liebe, liebe Landsknecht!«

106
Sie sagt nicht nein, sie sagt nicht ja,
107
Sie steht betroffen, errötend da,
108
Gibt ihren Tränen freien Lauf,
109
Und seufzet leiseratmend auf:
110
»du lieber, lieber Landsknecht!«

111
Der Landsknecht aber verwundert sich sehr,
112
Er steht vor dem Galgen und der steht leer.
113
»blitz Hagel! das war mein Henkersschmaus;
114
Den Platz da füll ich morgen noch aus!
115
Ich armer, armer Landsknecht!«

116
Er läuft zurück: »Nun schafft auch Rat,
117
Sonst muß ich hangen; ich kam zu spat.«
118
Sie fragen ihn aus; wie er alles gesagt,
119
Da weint die edle Frau und klagt:
120
»du armer, lieber Landsknecht!«

121
Die Alte spricht: »Geduld! Geduld!
122
Ich wasch ihn rein von aller Schuld;
123
Er hat uns errettet, das wißt Ihr doch,
124
Versteht mich, Frau, was zaudern wir noch?
125
Du lieber, lieber Landsknecht!

126
Man hat ihm seinen Toten geraubt,
127
Wir haben auch einen, wenn Ihr es erlaubt,
128
Gebt ihm den Unsern, gebt Euren Schatz,
129
Der füllt, wie einer, seinen Platz.
130
Du lieber, lieber Landsknecht!

131
Und wer betrachtet's scharf genug,
132
Daß er entdeckte den Betrug?
133
Frisch angefaßt und schnell ans Werk!
134
Daß keiner dort den Mangel merk.
135
Du lieber, lieber Landsknecht!«

136
Wie er die Hand an den Toten legt,
137
Da ruft der Landsknecht tief bewegt:
138
»mein Hauptmann! was? du bist es fürwahr!
139
Nun bring ich dich an den Galgen gar!
140
Du lieber, guter Hauptmann!«

141
Die Frau versetzt: »Was zauderst du?
142
Geschwind! sonst kommen noch Leute dazu,
143
Geschwind! ich helfe, was ich kann,
144
Geschwind! geschwind! du lieber Mann,
145
Du lieber, lieber Landsknecht!«

146
Und er darauf: »Es geht nicht an;
147
Dem Räuber fehlt ein Vorder-Zahn.«
148
Da nimmt sie selber einen Stein
149
Und schlägt den Zahn dem Toten ein:
150
Du lieber, lieber Landsknecht!

151
So schleifen hinaus ihn alle drei
152
Und hängen ihn an den Galgen frei;
153
Und streift nun der Wind die Heide entlang,
154
So geben die Knochen gar guten Klang
155
Zum Lied von der Weibertreue.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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