Das Urteil des Schemjáka

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Adelbert von Chamisso: Das Urteil des Schemjáka (1809)

1
»hilf, Bruder, lieber Bruder mein,
2
Hilf, Reicher du, dem Armen;
3
Wirst gegen mich doch menschlich sein,
4
Wirst meiner dich erbarmen;
5
Leih mir den Gaul auf einen Tag,
6
Daß ich zu Holze fahren mag;
7
Gar grausam ist der Winter!«

8
»dich lehrt das Roß, das du verlangst,
9
Die Zunge zu bewegen;
10
Wann erst du an zu betteln fangst,
11
Wird's nicht so bald sich legen.
12
So nimm es hin und schier dich fort,
13
Und sieh dich vor, denn, auf mein Wort,
14
Heut ist's zum letzten Male.«

15
»hilf, Bruder, lieber Bruder mein,
16
Hilf, Reicher du, dem Armen;
17
Wirst gegen mich doch menschlich sein,
18
Wirst meiner dich erbarmen;
19
Du gibst das Kummet noch daran,
20
Daß ich zu Holze fahren kann,
21
Du leihst mir noch das Kummet.«

22
»wirst mich in einem Atemzug
23
Um Haus und Hof noch bitten;
24
Du hast das Roß, das ist genug,
25
Hier, Punktum! abgeschnitten.
26
Was zauderst du? so schier dich fort,
27
Du kriegst es nicht, nein! auf mein Wort,
28
Ich leihe dir kein Kummet.«

29
Und gab er nicht das Kummet her,
30
Wird nur der Gaul es büßen,
31
Wird mit dem Schwanze weit und schwer
32
Den Schlitten ziehen müssen.
33
Noch diese Scheiter obenauf, –
34
Nun ist's gepackt; lauf, Schimmel, lauf!
35
Heut gilt's zum letzten Male.

36
Und wie er kam in seinem Stolz,
37
Nichts ahndend von Gefahren,
38
Mit einem tücht'gen Fuder Holz
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Den Hof hinan gefahren;
40
Erlitt er Schiffbruch schon am Ziel, –
41
Es stolperte der Gaul und fiel,
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Und riß sich, ach! den Schwanz aus.

43
»hier, Bruder, lieber Bruder, schau!
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Hier hast den Gaul du wieder;
45
Nimm's, Bruderherz, nicht zu genau,
46
Er hat gesunde Glieder,
47
Er ist noch gut, er ist noch ganz,
48
Es fehlt ihm nichts, als nur der Schwanz,
49
Der Schwanz – ist ausgerissen.« –

50
»und hast du mir mein gutes Pferd
51
Verstümmelt und geschändet,
52
Und zahlst du mir nicht gleich den Wert,
53
So weiß ich, wie das endet:
54
Schemjáka spricht, der Richter, schon
55
Mit dir aus einem andern Ton;
56
Du folgst mir vor den Richter.«

57
Dem Armen, der die Sach ermißt,
58
Behaget schlecht das Wandern;
59
Weil's aber doch nicht anders ist,
60
So folgt er still dem andern.
61
Sie kamen, wo zur rechten Hand
62
Am Weg die weiße Schenke stand,
63
Zeit war es einzukehren.

64
Gleich ward der grüne Branntewein
65
Dem Reichen aufgetragen,
66
Mit trank der Wirt, das muß so sein,
67
Dem Armen knurrt der Magen;
68
Er steiget auf die Ofenbank,
69
Verschlafen will er Speis und Trank,
70
Er hat's nicht zu bezahlen.

71
Der Hunger ist ein scharfer Gast,
72
Der Schlaf hat seine Launen;
73
Er findet oben keine Rast,
74
Er hört sie unten raunen;
75
Er dreht sich hin, er dreht sich her,
76
Und stürzt am Ende plump und schwer
77
Herunter auf die Wiege.

78
»mein Kind! mein Kind! es ist erstickt;
79
Der hat den Mord begangen,
80
Du hast's erwürgt, du hast's erdrückt,
81
Du wirst vom Galgen hangen;
82
Schemjáka spricht, der Richter, schon
83
Mit dir aus einem andern Ton;
84
Du folgst mir vor den Richter.«

85
Zum Richter wallten nun die drei,
86
Sich um ihr Recht zu balgen;
87
Dem Armen ward nicht wohl dabei,
88
Er träumte Rad und Galgen;
89
Drum auf der Brücke, die nun kam,
90
Er plötzlich einen Anlauf nahm,
91
Er sprang, dem Tod entgegen.

92
Just unterhalb der Brücke fuhr
93
Ein Greis in seinem Schlitten;
94
Im Fall erdrückt' er diesen nur,
95
Und hatte nichts gelitten. –
96
»ein Mord! ein Mord! du hast's vollbracht,
97
Hast mir den Vater umgebracht;
98
Du folgst mir vor den Richter.«

99
Zum Richter wallten nun die vier,
100
Der Arme gar mit Grimme:
101
Was hilft mein Sterben – wollen mir?
102
Das Schlimmste jagt das Schlimme.
103
Zwei Tote zu dem Pferdeschweif!
104
Und bin zum Galgen ich schon reif,
105
So will ich Rache haben.

106
Den Stein da will ich in mein Tuch
107
Gewickelt bei mir tragen,
108
Und lautet wider mich sein Spruch,
109
Ich schwör ihn zu erschlagen;
110
Nicht hab ich Geld, nicht hab ich Gut,
111
Und soll ich geben Blut um Blut,
112
Will Blut um Blut ich nehmen.

113
Auf hohem Richterstuhle sitzt
114
Schemjáka da, der Weise;
115
Die Kläger treten ein erhitzt
116
Und stellen sich zum Kreise,
117
Der Arme zorn'gen Herzens stellt
118
Sich hinter sie, und fertig hält
119
Er schon den Stein zum Wurfe.

120
Der reiche Bruder war nicht faul,
121
Die Klage zu erheben:
122
»der Schwanz, der Schwanz fehlt meinem Gaul,
123
Den soll er wiedergeben.«
124
Dicht hinter ihm der Arme stand,
125
Hielt hoch den Stein in seiner Hand
126
Und drohte schon dem Richter.

127
Gerechtigkeit war immer blind;
128
Schemjáka sah's von ferne,
129
Er meinte, hundert Rubel sind
130
Es wohl, die nehm ich gerne.
131
»und Rechtens folgt daraus der Schluß,
132
Daß er den Gaul behalten muß,
133
Bis wieder ihm der Schwanz wächst.«

134
Der Schenkwirt trat zum andern vor,
135
Die Klage zu erheben:
136
»das Kind, das Kind, das ich verlor,
137
Er soll's mir wiedergeben.«
138
Dicht hinter ihm der Arme stand,
139
Hielt hoch den Stein in seiner Hand
140
Und drohte noch dem Richter.

141
Gerechtigkeit war immer blind;
142
Schemjáka sah's von ferne:
143
Aha! noch hundert Rubel sind
144
Zu haben, herzlich gerne!
145
»so nehm er denn zu sich dein Weib,
146
Und zeuge dir aus ihrem Leib
147
Ein Kind, das dich entschädigt.«

148
Zuletzt begann des Greises Sohn
149
Um Mord ihn anzuklagen:
150
»gib diesem Mörder seinen Lohn,
151
Mein Vater liegt erschlagen.«
152
Dicht hinter ihm der Arme stand,
153
Hielt hoch den Stein in seiner Hand
154
Und drohte baß dem Richter.

155
Gerechtigkeit war immer blind;
156
Schemjáka sah's vom weiten:
157
Ei, Gottessegen! wieder sind
158
Hier hundert zu erbeuten. –
159
»so sollt ihr zu der Brücke gehn,
160
Er unten und du oben stehn;
161
Dann springst du und erschlägst ihn.«

162
Und früh erschien am andern Tag
163
Der Arme vor dem Reichen:
164
»gib her den Gaul, Schemjáka mag
165
Ich Salomon vergleichen.
166
Gewiß ich bring ihn dir zurück,
167
Sobald ihm nur zu gutem Glück
168
Hinwiederum der Schwanz wächst.« –

169
»ich hab's bedacht, es war nicht klug,
170
Um einen Roßschweif zanken;
171
Der Gaul ist so mir gut genug,
172
Ich will für Beßres danken.
173
Laß Freund' uns sein; ich schenke dir
174
Die Ziege mit dem Zicklein hier,
175
Und noch zehn Rubel Silber.«

176
Dem Schenkwirt macht' er den Besuch:
177
»ich will dein Weib mir holen,
178
Du weißt Schemjákas Richterspruch,
179
Und was er mir befohlen;
180
Ich will zur Sühne meiner Schuld
181
Die Straf erleiden in Geduld,
182
Und gleich zum Werke schreiten.« –

183
»bemüh dich nicht, es tut nicht Not;
184
Viel Kinder, viele Sorgen;
185
Und ist mein armes Kindlein tot,
186
Ich will kein fremdes borgen;
187
Als Friedenspfand nimm diese Kuh,
188
Das Kalb, die Stute noch dazu,
189
Und hundert Rubel Silber.«

190
Er kam zu dem verwaisten Sohn:
191
»ich bin bereit zum Tode,
192
Du kennst Schemjákas Urteil schon,
193
Ich steh dir zu Gebote;
194
Was zauderst du? der Weg ist lang,
195
Der kleine Sprung, der mir gelang,
196
Er wird dir schon gelingen.« –

197
»der weite Gang unnötig ist,
198
Gefällt mir auch mit nichten;
199
Ich bin versöhnlich als ein Christ,
200
Wir wollen's gütlich schlichten;
201
Und weil die Sache dich verdroß,
202
So schenk ich dir ein gutes Roß,
203
Dazu dreihundert Rubel.«

204
Und wie sein Vieh er überschaut
205
Und läßt die Münze klingen,
206
Tritt ein Schemjákas Diener traut,
207
Ein seltsam Wort zu bringen:
208
»gib her, was du gezeiget hast,
209
Der weißen Rollen Silberlast,
210
Gib her dreihundert Rubel.« –

211
»dreihundert Rubel! sagst du? nein,
212
Wer hat die zu verschenken?
213
Gezeiget hab ich ihm
214
Mißfiel sein Spruch mir, sag's ihm nur,
215
Geschworen hatt ich einen Schwur,
216
Mit

217
»den Stein, o Herr, den schickt er nur,
218
Und läßt dabei dir sagen:
219
Mißfiel dein Spruch ihm, galt sein Schwur,
220
Mit dem dich zu erschlagen.«
221
Da hat gehustet, sich geschneuzt
222
Schemjáka, und zuletzt bekreuzt:
223
Gottlob! das lief noch gut ab.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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