Der Sohn der Witwe

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Adelbert von Chamisso: Der Sohn der Witwe (1809)

1
Her zogen die Schwäne mit Kriegsgesang:
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Zu Roß, zu Roß! es dröhnend erklang.

3
Es reiten aus allen Höfen umher
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Die jüngern Söhne zum Kriegesheer.

5
Es ist mit uns gar schlimm bestellt,
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Und keiner bleibt, wenn einer sich stellt.

7
Du ziehst, mein Bräut'gam, mein Bruder, mein Sohn,
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Du ziehst in den Krieg, das wissen wir schon.

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Wir Frauen bedienen den Kriegesknecht,
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Den Helmbusch steckt die Braut dir zurecht,

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Den Rappen führt die Schwester dir vor,
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Dir öffnet die Mutter des Hofes Tor.

13
Wann kehrst du, mein Bräut'gam, mein Bruder, mein Kind,
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Wann kehrst du zurück? das sag uns geschwind. –

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Sind Luft und Wasser und Land erst frei,
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Dann säum ich nicht länger, dann eil ich herbei. –

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Und Luft und Wasser und Land sind frei,
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Was säumt er noch länger, und eilt nicht herbei?

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Wir Frauen, wir wollen entgegen ihm gehn,
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Wir wollen vom Hügel entgegen ihm sehn.

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Dort harren die Frauen und lauschen zu Tal
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Die Straße entlang im Sonnenstrahl.

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Und auf und nieder die Sonne steigt,
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Kein Reitersmann dem Blicke sich zeigt.

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Jetzt hebt sich Staub, jetzt kommt im Lauf
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Ein Rappe daher – kein Reiter sitzt drauf.

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Sie fangen ihn ein, sie fragen ihn aus:
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Wie kommst du, mein Rappe, doch ledig nach Haus?

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Bist, schlechter Gaul, dem Herrn du entflohn?
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Wo blieb mein Bräut'gam, mein Bruder, mein Sohn?

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Sie haben erschossen ihn in der Schlacht,
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Auf grüner Heide sein Bett ihm gemacht.

33
Mich ließen sie laufen in alle Welt,
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Ich habe die Botschaft trauernd bestellt.

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Es zogen drei Schwäne mit Klaggesang,
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Ein Grab zu suchen, die Heide entlang.

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Sie ließen sich nieder, wie sie es ersahn,
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Zu Füßen, zu Haupte, zur Seite ein Schwan.

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Zu Haupte die Schwester, zu Füßen die Braut,
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Zur Seite die Mutter, hoch ergraut:

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O wehe, weh, Verwaisten uns drei'n!
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Wer stimmt in unsre Klage mit ein?

43
Darauf die Sonne, sich neigend, begann:
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Ich stimme mit ein, so gut ich kann.

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Neun Tage traur ich in Nebelflor,
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Und komm am zehnten nicht hervor.

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Die Trauer der Braut drei Wochen war,
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Die Trauer der Schwester, die war drei Jahr,

49
Die Mutter hat der Trauer gepflegt,
50
Bis müde sie selbst ins Grab sich gelegt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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