Die Mutter und das Kind

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Adelbert von Chamisso: Die Mutter und das Kind (1830)

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Wie ward zu solchem Jammer
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Der stolzen Mutter Lust?
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Sie weint in öder Kammer,
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Kein Kind an ihrer Brust;
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Das Kind gebettet haben
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Sie in den schwarzen Schrein,
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Und tief den Schrein vergraben,
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Als müßt es also sein.

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Wie da die Erde fallend
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Auf den versenkten Sarg
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Ihn dumpf und schaurig schallend
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Vor ihren Augen barg,
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Hat Tränen sie gefunden,
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Die nicht zu hemmen sind,
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Sie weint zu allen Stunden
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Um ihr geliebtes Kind.

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Wann andrer Lust und Sorgen
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Der laute Tag bescheint,
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Weilt schweigsam sie verborgen
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In finstrer Klaus und weint;
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Wann andrer Schmerzen lindert
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Die Nacht, und alles ruht,
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Vergießt sie ungehindert
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Der Tränen bittre Flut.

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Wie einst sie unter Tränen
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Die stumme Mitternacht
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In hoffnungslosem Sehnen
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Verstört herangewacht,
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Sieht wunderbarer Weise
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Das Kindlein sie sich nahn,
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Es tritt so leise, leise,
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Es sieht sie trauernd an.

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O Mutter, in der Erden
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Gewinn ich keine Rast,
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Wie sollt ich ruhig werden,
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Wenn du geweinet hast?
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Die Tränen fühl ich rinnen
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Zu mir ohn Unterlaß,
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Mein Hemdlein und das Linnen,
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Sie sind davon so naß.

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O Mutter, laß dein Lächeln
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Hinab ins feuchte Haus
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Mir laue Lüfte fächeln,
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Dann trocknet's wieder aus,
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Und scheinet deinem Kinde
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Dein Auge wieder klar,
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Umblühn es Ros und Winde,
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Wie sonst es oben war.

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O weine nicht! sei munter!
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Was helfen Tränen dir?
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Komm lieber doch hinunter
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Und lege dich zu mir;
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Da magst du leise kosen
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Mit deinem Kindelein,
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Du liegst auf weichen Rosen
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Und schläfst so ruhig ein.

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Sie hat aus süßem Munde
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Die Warnung wohl gehört,
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Sie hat von dieser Stunde
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Zu weinen aufgehört.
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Wohl bleichten ihre Wangen,
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Doch blieb ihr Auge klar;
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Sie ist hinab gegangen,
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Wo schon ihr Liebling war.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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