Die goldene Zeit

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Adelbert von Chamisso: Die goldene Zeit (1822)

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Füllt die Becher bis zum Rand,
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Tut, ihr Freunde, mir Bescheid:
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Das befreite Vaterland,
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Und die gute goldne Zeit!
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Dann der Bürger denkt und glaubt,
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Spricht und schreibt nun alles frei,
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Was die hohe Polizei
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Erst geprüft hat und erlaubt.

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Du eröffnest mir den Mund,
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Du geschwätz'ger Traubensaft,
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Und die Wahrheit mach ich kund,
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Rücksichtslos mit freud'ger Kraft.
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Steigt die Sonne, wird es Tag,
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Sinkt sie unter, wird es Nacht.
15
Nehm vor Feuer sich in Acht,
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Wer sich nicht verbrennen mag.

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Ungeschickt zum Löschen ist,
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Wer da Öl gießt, wo es brennt;
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Noch ist drum kein guter Christ,
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Der zu Mahom sich bekennt.
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Scheut die Eule gleich das Licht,
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Fährt sich's doch vorm Winde gut,
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Besser noch mit Wind und Flut,
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Aber gegen beide nicht.

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Wer nicht sehen kann, ist blind,
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Wer auf Krücken geht, ist lahm;
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Mancher redet in den Wind,
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Mancher geht, so wie er kam.
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Grünt die Erde weit und breit,
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Glaube nicht den Frühling fern;
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Rückwärts gehn die Krebse gern,
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Aber vorwärts eilt die Zeit.

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Zwar ist nicht das Dunkle klar,
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Doch ist nicht, was gut ist, schlecht;
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Denn, was wahr ist, bleibt doch wahr,
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Und, was recht ist, bleibt doch recht.
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Goldes-Überfluß macht reich,
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Aber Lumpen sind kein Geld.
39
Wer mit Steinen düngt sein Feld,
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Macht gar einen dummen Streich.

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An der Zeit, ist nicht zu spät,
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Doch Geschehnes ist geschehn,
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Und wer Disteln hat gesät,
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Wird nicht Weizen reifen sehn.
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Gestern war's, nun ist es heut,
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Morgen bringt auch seinen Lohn;
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Kluge Leute wissen's schon,
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Nur sind Narren nicht gescheut.

49
Und am besten weiß, wer klagt,
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Wo ihn drückt der eigne Schuh;
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Wer zuerst nur A gesagt,
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Setzt vielleicht noch B hinzu;
53
Denn, wie Adam Riese spricht,
54
Zwei und zwei sind eben vier – – –
55
Gott! wer pocht an unsre Tür?
56
Ihr, verratet mich nur nicht!

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»hebt auf das verruchte Nest,
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Sie mißbrauchen die Geduld.
59
Setzt den Jakobiner fest,
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Wir sind Zeugen seiner Schuld;
61
Er hat öffentlich gelehrt:
62
Zwei und zwei sind eben vier.« –
63
Nein, ich sagte... »Fort mit dir,
64
Daß die Lehre keiner hört!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adelbert von Chamisso
(17811838)

* 30.01.1781 in Châlons-en-Champagne, † 21.08.1838 in Berlin

männlich, geb. Chamisso

| Bronchialkarzinom

deutscher Naturforscher und Dichter (1781–1838)

(Aus: Wikidata.org)

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