Die zehnte Elegie

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Rainer Maria Rilke: Die zehnte Elegie (1917)

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Daß ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,
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Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.
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Daß von den klar geschlagenen Hämmern des Herzens
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keiner versage an weichen, zweifelnden oder
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reißenden Saiten. Daß mich mein strömendes Antlitz
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glänzender mache; daß das unscheinbare Weinen
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blühe. O wie werdet ihr dann, Nächte, mir lieb sein,
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gehärmte. Daß ich euch knieender nicht, untröstliche Schwestern,
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hinnahm, nicht in euer gelöstes
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Haar mich gelöster ergab. Wir, Vergeuder der Schmerzen.
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Wie wir sie absehn voraus, in die traurige Dauer,
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ob sie nicht enden vielleicht. Sie aber sind ja
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unser winterwähriges Laub, unser dunkeles Sinngrün,
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Zeit –, sind Stelle, Siedelung, Lager, Boden, Wohnort.

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Freilich, wehe, wie fremd sind die Gassen der Leid – Stadt,
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wo in der falschen, aus Übertönung gemachten
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Stille, stark, aus der Gußform des Leeren der Ausguß
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prahlt: der vergoldete Lärm, das platzende Denkmal.
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O, wie spurlos zerträte ein Engel ihnen den Trostmarkt,
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den die Kirche begrenzt, ihre fertig gekaufte:
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reinlich und zu und enttäuscht wie ein Postamt am Sonntag.
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Draußen aber kräuseln sich immer die Ränder von Jahrmarkt.
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Schaukeln der Freiheit! Taucher und Gaukler des Eifers!
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Und des behübschten Glücks figürliche Schießstatt,
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wo es zappelt von Ziel und sich blechern benimmt,
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wenn ein Geschickterer trifft. Von Beifall zu Zufall
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taumelt er weiter; denn Buden jeglicher Neugier
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werben, trommeln und plärrn. Für Erwachsene aber
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ist noch besonders zu sehn, wie das Geld sich vermehrt, anatomisch,
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nicht zur Belustigung nur: der Geschlechtsteil des Gelds,
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alles, das Ganze, der Vorgang –, das unterrichtet und macht
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fruchtbar .........
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.... Oh aber gleich darüber hinaus,
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hinter der letzten Planke, beklebt mit Plakaten des »Todlos«,
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jenes bitteren Biers, das den Trinkenden süß scheint,
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wenn sie immer dazu frische Zerstreuungen kaun...,
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gleich im Rücken der Planke, gleich dahinter, ists
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Kinder spielen, und Liebende halten einander, – abseits,
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ernst, im ärmlichen Gras, und Hunde haben Natur.
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Weiter noch zieht es den Jüngling; vielleicht, daß er eine junge
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Klage liebt..... Hinter ihr her kommt er in Wiesen. Sie sagt:
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– Weit. Wir wohnen dort draußen.... Wo? Und der Jüngling
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folgt. Ihn rührt ihre Haltung. Die Schulter, der Hals –, vielleicht
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ist sie von herrlicher Herkunft. Aber er läßt sie, kehrt um,
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wendet sich, winkt... Was solls? Sie ist eine Klage.

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Nur die jungen Toten, im ersten Zustand
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zeitlosen Gleichmuts, dem der Entwöhnung,
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folgen ihr liebend. Mädchen
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wartet sie ab und befreundet sie. Zeigt ihnen leise,
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was sie an sich hat. Perlen des Leids und die feinen
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Schleier der Duldung. – Mit Jünglingen geht sie
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schweigend.

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Aber dort, wo sie wohnen, im Tal, der Älteren eine, der Klagen,
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nimmt sich des Jünglinges an, wenn er fragt: – Wir waren,
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sagt sie, ein Großes Geschlecht, einmal, wir Klagen. Die Väter
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trieben den Bergbau dort in dem großen Gebirg; bei Menschen
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findest du manchmal ein Stück geschliffenes Ur-Leid
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oder, aus altem Vulkan, schlackig versteinerten Zorn.
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Ja, das stammte von dort. Einst waren wir reich. –

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Und sie leitet ihn leicht durch die weite Landschaft der Klagen,
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zeigt ihm die Säulen der Tempel oder die Trümmer
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jener Burgen, von wo Klage-Fürsten das Land
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einstens weise beherrscht. Zeigt ihm die hohen
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Tränenbäume und Felder blühender Wehmut,
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(lebendige kennen sie nur als sanftes Blattwerk);
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zeigt ihm die Tiere der Trauer, weidend, – und manchmal
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schreckt ein Vogel und zieht, flach ihnen fliegend durchs Aufschaun,
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weithin das schriftliche Bild seines vereinsamten Schreis. –
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Abends führt sie ihn hin zu den Gräbern der Alten
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aus dem Klage-Geschlecht, den Sibyllen und Warn-Herrn.
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Naht aber Nacht, so wandeln sie leiser, und bald
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mondets empor, das über Alles
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wachende Grab-Mal. Brüderlich jenem am Nil,
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der erhabene Sphinx –: der verschwiegenen Kammer Antlitz.
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Und sie staunen dem krönlichen Haupt, das für immer,
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schweigend, der Menschen Gesicht
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auf die Waage der Sterne gelegt.

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Nicht erfaßt es sein Blick, im Frühtod
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schwindelnd. Aber ihr Schaun,
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hinter dem Pschent-Rand hervor, scheucht es die Eule. Und sie,
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streifend im langsamen Abstrich die Wange entlang,
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jene der reifesten Rundung,
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zeichnet weich in das neue
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Totengehör, über ein doppelt
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aufgeschlagenes Blatt, den unbeschreiblichen Umriß.

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Und höher, die Sterne. Neue. Die Sterne des Leidlands.
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Langsam nennt sie die Klage; – Hier,
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siehe: den
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nennen sie:
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Aber im südlichen Himmel, rein wie im Innern
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einer gesegneten Hand, das klar erglänzende
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das die Mütter bedeutet ...... –

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Doch der Tote muß fort, und schweigend bringt ihn die ältere
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Klage bis an die Talschlucht,
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wo es schimmert im Mondschein:
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die Quelle der Freude. In Ehrfurcht
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nennt sie sie, sagt; – Bei den Menschen
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ist sie ein tragender Strom. –

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Stehn am Fuß des Gebirgs.
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Und da umarmt sie ihn, weinend.

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Einsam steigt er dahin, in die Berge des Ur-Leids.
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Und nicht einmal sein Schritt klingt aus dem tonlosen Los.

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Aber erweckten sie uns, die unendlich Toten, ein Gleichnis,
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siehe, sie zeigten vielleicht auf die Kätzchen der leeren
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Hasel, die hängenden, oder
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meinten den Regen, der fallt auf dunkles Erdreich im Frühjahr. –

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Und wir, die an
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denken, empfänden die Rührung,
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die uns beinah bestürzt,
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wenn ein Glückliches

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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