Die neunte Elegie

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Rainer Maria Rilke: Die neunte Elegie (1917)

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Warum, wenn es angeht, also die Frist des Daseins
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hinzubringen, als Lorbeer, ein wenig dunkler als alles
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andere Grün, mit kleinen Wellen an jedem
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Blattrand (wie eines Windes Lächeln) –: warum dann
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Menschliches müssen – und, Schicksal vermeidend,
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sich sehnen nach Schicksal?...

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Oh,
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dieser voreilige Vorteil eines nahen Verlusts.
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Nicht aus Neugier, oder zur Übung des Herzens,
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das auch im Lorbeer

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Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar
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alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das
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seltsam uns angeht. Uns, die Schwindendsten.
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jedes, nur

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Und so drängen wir uns und wollen es leisten,
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wollens enthalten in unsern einfachen Händen,
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im überfüllteren Blick und im sprachlosen Herzen.
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Wollen es werden. – Wem es geben? Am liebsten
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alles behalten für immer... Ach, in den andern Bezug,
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wehe, was nimmt man hinüber? Nicht das Anschaun, das hier
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langsam erlernte, und kein hier Ereignetes. Keins.
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Also die Schmerzen. Also vor allem das Schwersein,
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also der Liebe lange Erfahrung, – also
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lauter Unsägliches. Aber später,
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unter den Sternen, was solls:
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Bringt doch der Wanderer auch vom Hange des Bergrands
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nicht eine Hand voll Erde ins Tal, die Allen unsägliche, sondern
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ein erworbenes Wort, reines, den gelben und blaun
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Enzian. Sind wir vielleicht
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Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster, –
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höchstens: Säule, Turm.... aber zu
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oh zu sagen so, wie selber die Dinge niemals
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innig meinten zu sein. Ist nicht die heimliche List
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dieser verschwiegenen Erde, wenn sie die Liebenden drängt,
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daß sich in ihrem Gefühl jedes und jedes entzückt?
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Schwelle: was ists für zwei
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Liebende, daß sie die eigne ältere Schwelle der Tür
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ein wenig verbrauchen, auch sie, nach den vielen vorher
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und vor den Künftigen ...., leicht.

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Sprich und bekenn. Mehr als je
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fallen die Dinge dahin, die erlebbaren, denn,
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was sie verdrängend ersetzt, ist ein Tun ohne Bild.
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Tun unter Krusten, die willig zerspringen, sobald
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innen das Handeln entwächst und sich anders begrenzt.
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Zwischen den Hämmern besteht
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unser Herz, wie die Zunge
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zwischen den Zähnen, die doch,
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dennoch, die preisende bleibt.

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Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche,
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kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,
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wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig
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ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,
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als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick.
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Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest
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bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.
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Zeig ihm, wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser,
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wie selbst das klagende Leid rein zur Gestalt sich entschließt,
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dient als ein Ding, oder stirbt in ein Ding –, und jenseits
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selig der Geige entgeht. – Und diese, von Hingang
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lebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich,
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traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu.
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Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbarn Herzen verwandeln
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in – o unendlich – in uns! Wer wir am Ende auch seien.

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Erde, ist es nicht dies, was du willst:
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in uns erstehn? – Ist es dein Traum nicht,
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einmal unsichtbar zu sein? – Erde! unsichtbar!
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Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
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Erde, du liebe, ich will. Oh glaub, es bedürfte
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nicht deiner Frühlinge mehr, mich dir zu gewinnen –,
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ach, ein einziger ist schon dem Blute zu viel.
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Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.
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Immer warst du im Recht, und dein heiliger Einfall
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ist der vertrauliche Tod.

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Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft
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werden weniger ....... Überzähliges Dasein
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entspringt mir im Herzen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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