Die achte Elegie

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Rainer Maria Rilke: Die achte Elegie (1922)

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Mit allen Augen sieht die Kreatur
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das Offene. Nur unsre Augen sind
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wie umgekehrt und ganz um sie gestellt
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als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.
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Was draußen
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Antlitz allein; denn schon das frühe Kind
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wenden wir um und zwingens, daß es rückwärts
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Gestaltung sehe, nicht das Offne, das
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im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.
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hat seinen Untergang stets hinter sich
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und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts
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in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.

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den reinen Raum vor uns, in den die Blumen
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unendlich aufgehn. Immer ist es Welt
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und niemals Nirgends ohne Nicht: das Reine,
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Unüberwachte, das man atmet und
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unendlich
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verliert sich eins im Stilln an dies und wird
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gerüttelt. Oder jener stirbt und
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Denn nah am Tod sieht man den Tod nicht mehr
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und starrt
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Liebende, wäre nicht der andre, der
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die Sicht verstellt, sind nah daran und staunen...
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Wie aus Versehn ist ihnen aufgetan
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hinter dem andern... Aber über ihn
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kommt keiner fort, und wieder wird ihm Welt.
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Der Schöpfung immer zugewendet, sehn
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wir nur auf ihr die Spiegelung des Frein,
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von uns verdunkelt. Oder daß ein Tier,
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ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch.
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Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein
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und nichts als das und immer gegenüber.

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Wäre Bewußtheit unsrer Art in dem
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sicheren Tier, das uns entgegenzieht
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in anderer Richtung –, riß es uns herum
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mit seinem Wandel. Doch sein Sein ist ihm
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unendlich, ungefaßt und ohne Blick
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auf seinen Zustand, rein, so wie sein Ausblick.
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Und wo wir Zukunft sehn, dort sieht es Alles
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und sich in Allem und geheilt für immer.

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Und doch ist in dem wachsam warmen Tier
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Gewicht und Sorge einer großen Schwermut.
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Denn ihm auch haftet immer an, was uns
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oft überwältigt, – die Erinnerung,
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als sei schon einmal das, wonach man drängt,
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näher gewesen, treuer und sein Anschluß
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unendlich zärtlich. Hier ist alles Abstand,
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und dort wars Atem. Nach der ersten Heimat
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ist ihm die zweite zwitterig und windig.

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O Seligkeit der

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die immer
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o Glück der Mücke, die noch
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selbst wenn sie Hochzeit hat: denn Schooß ist Alles.
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Und sieh die halbe Sicherheit des Vogels,
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der beinah beides weiß aus seinem Ursprung,
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als wär er eine Seele der Etrusker,
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aus einem Toten, den ein Raum empfing,
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doch mit der ruhenden Figur als Deckel.
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Und wie bestürzt ist eins, das fliegen muß
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und stammt aus einem Schooß. Wie vor sich selbst
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erschreckt, durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung
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durch eine Tasse geht. So reißt die Spur
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der Fledermaus durchs Porzellan des Abends.

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Und wir: Zuschauer, immer, überall,
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dem allen zugewandt und nie hinaus!
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Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
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Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

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Wer hat uns also umgedreht, daß wir,
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was wir auch tun, in jener Haltung sind
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von einem, welcher fortgeht? Wie er auf
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dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal
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noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt –,
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so leben wir und nehmen immer Abschied.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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