Die siebente Elegie

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Rainer Maria Rilke: Die siebente Elegie (1922)

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Werbung nicht mehr, nicht Werbung, entwachsene Stimme,
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sei deines Schreies Natur; zwar schrieest du rein wie der Vogel,
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wenn ihn die Jahreszeit aufhebt, die steigende, beinah vergessend,
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daß er ein kümmerndes Tier und nicht nur ein einzelnes Herz sei,
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das sie ins Heitere wirft, in die innigen Himmel. Wie er, so
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würbest du wohl, nicht minder –, daß, noch unsichtbar,
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dich die Freundin erführ, die stille, in der eine Antwort
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langsam erwacht und über dem Hören sich anwärmt, –
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deinem erkühnten Gefühl die erglühte Gefühlin.

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O und der Frühling begriffe –, da ist keine Stelle,
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die nicht trüge den Ton der Verkündigung. Erst jenen kleinen
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fragenden Auflaut, den, mit steigernder Stille,
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weithin umschweigt ein reiner bejahender Tag.
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Dann die Stufen hinan, Ruf-Stufen hinan, zum geträumten
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Tempel der Zukunft –; dann den Triller, Fontäne,
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die zu dem drängenden Strahl schon das Fallen zuvornimmt
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im versprechlichen Spiel.... Und vor sich, den Sommer.

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Nicht nur die Morgen alle des Sommers –, nicht nur
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wie sie sich wandeln in Tag und strahlen vor Anfang.
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Nicht nur die Tage, die zart sind um Blumen, und oben,
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um die gestalteten Bäume, stark und gewaltig.
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Nicht nur die Andacht dieser entfalteten Kräfte,
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nicht nur die Wege, nicht nur die Wiesen im Abend,
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nicht nur, nach spätem Gewitter, das atmende Klarsein,
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nicht nur der nahende Schlaf und ein Ahnen, abends...
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sondern die Nächte! Sondern die hohen, des Sommers,
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Nächte, sondern die Sterne, die Sterne der Erde.
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O einst tot sein und sie wissen unendlich,
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alle die Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen!

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Siehe, da rief ich die Liebende. Aber nicht
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käme... Es kämen aus schwächlichen Gräbern
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Mädchen und ständen... Denn, wie beschränk ich,
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wie, den gerufenen Ruf? Die Versunkenen suchen
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immer noch Erde. – Ihr Kinder, ein hiesig
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einmal ergriffenes Ding gälte für viele.
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Glaubt nicht, Schicksal sei mehr, als das Dichte der Kindheit;
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wie überholtet ihr oft den Geliebten, atmend,
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atmend nach seligem Lauf, auf nichts zu, ins Freie.

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Hiersein ist herrlich. Ihr wußtet es, Mädchen,
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die ihr scheinbar entbehrtet, versankt –, ihr, in den ärgsten
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Gassen der Städte, Schwärende, oder dem Abfall
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Offene. Denn eine Stunde war jeder, vielleicht nicht
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ganz eine Stunde, ein mit den Maßen der Zeit kaum
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Meßliches zwischen zwei Weilen –, da sie ein Dasein
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hatte. Alles. Die Adern voll Dasein.
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Nur, wir vergessen so leicht, was der lachende Nachbar
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uns nicht bestätigt oder beneidet. Sichtbar
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wollen wirs heben, wo doch das sichtbarste Glück uns
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erst zu erkennen sich giebt, wenn wir es innen verwandeln.

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Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser
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Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer
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schwindet das Außen. Wo einmal ein dauerndes Haus war,
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schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichem
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völlig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne.
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Weite Speicher der Kraft schafft sich der Zeitgeist, gestaltlos
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wie der spannende Drang, den er aus allem gewinnt.
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Tempel kennt er nicht mehr. Diese, des Herzens, Verschwendung
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sparen wir heimlicher ein. Ja, wo noch eins übersteht,
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ein einst gebetetes Ding, ein gedientes, geknietes –,
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hält es sich, so wie es ist, schon ins Unsichtbare hin.
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Viele gewahrens nicht mehr, doch ohne den Vorteil,
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daß sie's nun

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Jede dumpfe Umkehr der Welt hat solche Enterbte,
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denen das Frühere nicht und noch nicht das Nächste gehört.
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Denn auch das Nächste ist weit für die Menschen.
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dies nicht verwirren; es stärke in uns die Bewahrung
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der noch erkannten Gestalt. – Dies
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mitten im Schicksal stands, im vernichtenden, mitten
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im Nichtwissen-Wohin stand es, wie seiend, und bog
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Sterne zu sich aus gesicherten Himmeln. Engel,
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steh es gerettet zuletzt, nun endlich aufrecht.
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Säulen, Pylone, der Sphinx, das strebende Stemmen,
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grau aus vergehender Stadt oder aus fremder, des Doms.

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War es nicht Wunder? O staune, Engel, denn
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wir, o du Großer, erzähls, daß wir solches vermochten, mein Atem
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reicht für die Rühmung nicht aus. So haben wir dennoch
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nicht die Räume versäumt, diese gewährenden, diese
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da sie Jahrtausende nicht unseres Fühlns überfülln.)
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Aber ein Turm war groß, nicht wahr? O Engel, er war es, –
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groß, auch noch neben dir? Chartres war groß –, und Musik
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reichte noch weiter hinan und überstieg uns. Doch selbst nur
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eine Liebende –, oh, allein am nächtlichen Fenster....
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reichte sie dir nicht ans Knie –?
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Glaub
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Engel, und würb ich dich auch! Du kommst nicht. Denn mein
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Anruf ist immer voll Hinweg; wider so starke
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Strömung kannst du nicht schreiten. Wie ein gestreckter
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Arm ist mein Rufen. Und seine zum Greifen
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oben offene Hand bleibt vor dir
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offen, wie Abwehr und Warnung,
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Unfaßlicher, weitauf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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