O Bäume Lebens, o wann winterlich?

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Rainer Maria Rilke: O Bäume Lebens, o wann winterlich? Titel entspricht 1. Vers(1915)

1
O Bäume Lebens, o wann winterlich?
2
Wir sind nicht einig. Sind nicht wie die Zug-
3
vögel verständigt. Überholt und spät,
4
so drängen wir uns plötzlich Winden auf
5
und fallen ein auf teilnahmslosen Teich.
6
Blühn und verdorrn ist uns zugleich bewußt.
7
Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen,
8
solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht.

9
Uns aber, wo wir Eines meinen, ganz,
10
ist schon des andern Aufwand fühlbar. Feindschaft
11
ist uns das Nächste. Treten Liebende
12
nicht immerfort an Ränder, eins im andern,
13
die sich versprachen Weite, Jagd und Heimat.

14
Da wird für eines Augenblickes Zeichnung

15
ein Grund von Gegenteil bereitet, mühsam,
16
daß wir sie sähen; denn man ist sehr deutlich
17
mit uns. Wir kennen den Kontur
18
des Fühlens nicht: nur, was ihn formt von außen.

19
Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang?

20
Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.
21
Leicht zu verstehen. Der bekannte Garten,
22
und schwankte leise: dann erst kam der Tänzer.
23
Nicht
24
er ist verkleidet und er wird ein Bürger
25
und geht durch seine Küche in die Wohnung.

26
Ich will nicht diese halbgefüllten Masken,

27
lieber die Puppe. Die ist voll. Ich will
28
den Balg aushalten und den Draht und ihr
29
Gesicht aus Aussehn. Hier. Ich bin davor.
30
Wenn auch die Lampen ausgehn, wenn mir auch
31
gesagt wird: Nichts mehr –, wenn auch von der Bühne
32
das Leere herkommt mit dem grauen Luftzug,
33
wenn auch von meinen stillen Vorfahrn keiner
34
mehr mit mir dasitzt, keine Frau, sogar
35
der Knabe nicht mehr mit dem braunen Schielaug:
36
Ich bleibe dennoch. Es giebt immer Zuschaun.

37
Hab ich nicht recht? Du, der um mich so bitter
38
das Leben schmeckte, meines kostend, Vater,
39
den ersten trüben Aufguß meines Müssens,
40
da ich heranwuchs, immer wieder kostend
41
und, mit dem Nachgeschmack so fremder Zukunft
42
beschäftigt, prüftest mein beschlagnes Aufschaun, –
43
der du, mein Vater, seit du tot bist, oft
44
in meiner Hoffnung, innen in mir, Angst hast,
45
und Gleichmut, wie ihn Tote haben, Reiche
46
von Gleichmut, aufgiebst für mein bißchen Schicksal,
47
hab ich nicht recht? Und ihr, hab ich nicht recht,
48
die ihr mich liebtet für den kleinen Anfang
49
Liebe zu euch, von dem ich immer abkam,
50
weil mir der Raum in eurem Angesicht,
51
da ich ihn liebte, überging in Weltraum,
52
in dem ihr nicht mehr wart....: wenn mir zumut ist,
53
zu warten vor der Puppenbühne, nein,
54
so völlig hinzuschaun, daß, um mein Schauen
55
am Ende aufzuwiegen, dort als Spieler
56
ein Engel hinmuß, der die Bälge hochreißt.
57
Engel und Puppe: dann ist endlich Schauspiel.
58
Dann kommt zusammen, was wir immerfort
59
entzwein, indem wir da sind. Dann entsteht
60
aus unsern Jahreszeiten erst der Umkreis
61
des ganzen Wandelns. Über uns hinüber
62
spielt dann der Engel. Sieh, die Sterbenden,
63
sollten sie nicht vermuten, wie voll Vorwand
64
das alles ist, was wir hier leisten. Alles
65
ist nicht es selbst. O Stunden in der Kindheit,
66
da hinter den Figuren mehr als nur
67
Vergangnes war und vor uns nicht die Zukunft.
68
Wir wuchsen freilich und wir drängten manchmal,
69
bald groß zu werden, denen halb zulieb,
70
die andres nicht mehr hatten, als das Großsein.
71
Und waren doch, in unserem Alleingehn,
72
mit Dauerndem vergnügt und standen da
73
im Zwischenraume zwischen Welt und Spielzeug,
74
an einer Stelle, die seit Anbeginn
75
gegründet war für einen reinen Vorgang.

76
Wer zeigt ein Kind, so wie es steht? Wer stellt
77
es ins Gestirn und giebt das Maß des Abstands
78
ihm in die Hand? Wer macht den Kindertod
79
aus grauem Brot, das hart wird, – oder läßt
80
ihn drin im runden Mund, so wie den Gröps
81
von einem schönen Apfel? ......Mörder sind
82
leicht einzusehen. Aber dies: den Tod,
83
den ganzen Tod, noch
84
sanft zu enthalten und nicht bös zu sein,
85
ist unbeschreiblich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.