Die dritte Elegie

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Rainer Maria Rilke: Die dritte Elegie (1912)

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Eines ist, die Geliebte zu singen. Ein anderes, wehe,
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jenen verborgenen schuldigen Fluß-Gott des Bluts.
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Den sie von weitem erkennt, ihren Jüngling, was weiß er
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selbst von dem Herren der Lust, der aus dem Einsamen oft,
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ehe das Mädchen noch linderte, oft auch als wäre sie nicht,
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ach, von welchem Unkenntlichen triefend, das Gotthaupt
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aufhob, aufrufend die Nacht zu unendlichem Aufruhr.
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O des Blutes Neptun, o sein furchtbarer Dreizack.
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O der dunkele Wind seiner Brust aus gewundener Muschel.
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Horch, wie die Nacht sich muldet und höhlt. Ihr Sterne,
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stammt nicht von euch des Liebenden Lust zu dem Antlitz
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seiner Geliebten? Hat er die innige Einsicht
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in ihr reines Gesicht nicht aus dem reinen Gestirn?

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Du nicht hast ihm, wehe, nicht seine Mutter
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hat ihm die Bogen der Braun so zur Erwartung gespannt.
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Nicht an dir, ihn fühlendes Mädchen, an dir nicht
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bog seine Lippe sich zum fruchtbarern Ausdruck.
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Meinst du wirklich, ihn hätte dein leichter Auftritt
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also erschüttert, du, die wandelt wie Frühwind?
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Zwar du erschrakst ihm das Herz; doch ältere Schrecken
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stürzten in ihn bei dem berührenden Anstoß.
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Ruf ihn... du rufst ihn nicht ganz aus dunkelem Umgang.
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Freilich, er
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sich in dein heimliches Herz und nimmt und beginnt sich.
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Aber begann er sich je?
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Mutter,
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dir war er neu, du beugtest über die neuen
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Augen die freundliche Welt und wehrtest der fremden.
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Wo, ach, hin sind die Jahre, da du ihm einfach
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mit der schlanken Gestalt wallendes Chaos vertratst?
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Vieles verbargst du ihm so; das nächtlich-verdächtige Zimmer
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machtest du harmlos, aus deinem Herzen voll Zuflucht
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mischtest du menschlichern Raum seinem Nacht-Raum hinzu.
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Nicht in die Finsternis, nein, in dein näheres Dasein
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hast du das Nachtlicht gestellt, und es schien wie aus Freundschaft.
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Nirgends ein Knistern, das du nicht lächelnd erklärtest,
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so als wüßtest du längst,
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Und er horchte und linderte sich. So vieles vermochte
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zärtlich dein Aufstehn; hinter den Schrank trat
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hoch im Mantel sein Schicksal, und in die Falten des Vorhangs
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paßte, die leicht sich verschob, seine unruhige Zukunft.

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Und er selbst, wie er lag, der Erleichterte, unter
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schläfernden Lidern deiner leichten Gestaltung
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Süße lösend in den gekosteten Vorschlaf –:
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hinderte innen in ihm die Fluten der Herkunft?
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Ach, da
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aber träumend, aber in Fiebern: wie er sich ein-ließ.
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Er, der Neue, Scheuende, wie er verstrickt war,
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mit des innern Geschehns weiterschlagenden Ranken
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schon zu Mustern verschlungen, zu würgendem Wachstum, zu tierhaft
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jagenden Formen. Wie er sich hingab –. Liebte.
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Liebte sein Inneres, seines Inneren Wildnis,
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diesen Urwald in ihm, auf dessen stummem Gestürztsein
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lichtgrün sein Herz stand. Liebte. Verließ es, ging die
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eigenen Wurzeln hinaus in gewaltigen Ursprung,
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wo seine kleine Geburt schon überlebt war. Liebend
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stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten,
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wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern. Und jedes
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Schreckliche kannte ihn, blinzelte, war wie verständigt.
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Ja, das Entsetzliche lächelte ... Selten
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hast du so zärtlich gelächelt, Mutter. Wie sollte
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er es nicht lieben, da es ihm lächelte.
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hat ers geliebt, denn, da du ihn trugst schon,
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war es im Wasser gelöst, das den Keimenden leicht macht.

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Siehe, wir lieben nicht, wie die Blumen, aus einem
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einzigen Jahr; uns steigt, wo wir lieben,
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unvordenklicher Saft in die Arme. O Mädchen,
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das zahllos Brauende; nicht ein einzelnes Kind,
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sondern die Väter, die wie Trümmer Gebirgs
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uns im Grunde beruhn; sondern das trockene Flußbett
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einstiger Mütter –; sondern die ganze
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lautlose Landschaft unter dem wolkigen oder
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reinen Verhängnis –:

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Und du selber, was weißt du –, du locktest
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Vorzeit empor in dem Liebenden. Welche Gefühle
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wühlten herauf aus entwandelten Wesen. Welche
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Frauen haßten dich da. Was für finstere Männer
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regtest du auf im Geäder des Jünglings? Tote
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Kinder wollten zu dir... O leise, leise,
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tu ein liebes vor ihm, ein verläßliches Tagwerk, – führ ihn
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nah an den Garten heran, gieb ihm der Nächte
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Übergewicht ......

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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