Die zweite Elegie

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Rainer Maria Rilke: Die zweite Elegie (1912)

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Jeder Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir,
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ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele,
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wissend um euch. Wohin sind die Tage Tobiae,
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da der Strahlendsten einer stand an der einfachen Haustür,
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zur Reise ein wenig verkleidet und schon nicht mehr furchtbar;
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(jüngling dem Jüngling, wie er neugierig hinaussah).
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Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sternen
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eines Schrittes nur nieder und herwärts:
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hochaufschlagend erschlüg uns das eigene Herz. Wer seid ihr?

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Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
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Höhenzüge, morgenrötliche Grate
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aller Erschaffung, – Pollen der blühenden Gottheit,
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Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
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Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
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stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
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wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.

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Denn wir, wo wir fühlen, verflüchtigen; ach wir
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atmen uns aus und dahin; von Holzglut zu Holzglut
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geben wir schwächern Geruch. Da sagt uns wohl einer:
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ja, du gehst mir ins Blut, dieses Zimmer, der Frühling
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füllt sich mit dir... Was hilfts, er kann uns nicht halten,
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wir schwinden in ihm und um ihn. Und jene, die schön sind,
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o wer hält sie zurück? Unaufhörlich steht Anschein
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auf in ihrem Gesicht und geht fort. Wie Tau von dem Frühgras
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hebt sich das Unsre von uns, wie die Hitze von einem
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heißen Gericht. O Lächeln, wohin? O Aufschaun:
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neue, warme, entgehende Welle des Herzens –;
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weh mir: wir
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in den wir uns lösen, nach uns? Fangen die Engel
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wirklich nur Ihriges auf, ihnen Entströmtes,
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oder ist manchmal, wie aus Versehen, ein wenig
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unseres Wesens dabei? Sind wir in ihre
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Züge soviel nur gemischt wie das Vage in die Gesichter
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schwangerer Frauen? Sie merken es nicht in dem Wirbel
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ihrer Rückkehr zu sich. (Wie sollten sie's merken.)

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Liebende könnten, verstünden sie's, in der Nachtluft
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wunderlich reden. Denn es scheint, daß uns alles
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verheimlicht. Siehe, die Bäume
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die wir bewohnen, bestehn noch. Wir nur
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ziehen allem vorbei wie ein luftiger Austausch.
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Und alles ist einig, uns zu verschweigen, halb als
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Schande vielleicht und halb als unsägliche Hoffnung.

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Liebende, euch, ihr in einander Genügten,
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frag ich nach uns. Ihr greift euch. Habt ihr Beweise?
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Seht, mir geschiehts, daß meine Hände einander
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inne werden oder daß mein gebrauchtes
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Gesicht in ihnen sich schont. Das giebt mir ein wenig
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Empfindung. Doch wer wagte darum schon zu
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Ihr aber, die ihr im Entzücken des anderen
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zunehmt, bis er euch überwältigt
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anfleht: nicht
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euch reichlicher werdet wie Traubenjahre;
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die ihr manchmal vergeht, nur weil der andre
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ganz überhand nimmt: euch frag ich nach uns. Ich weiß,
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ihr berührt euch so selig, weil die Liebkosung verhält,
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weil die Stelle nicht schwindet, die ihr, Zärtliche,
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zudeckt; weil ihr darunter das reine
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Dauern verspürt. So versprecht ihr euch Ewigkeit fast
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von der Umarmung. Und doch, wenn ihr der ersten
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Blicke Schrecken besteht und die Sehnsucht am Fenster,
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und den ersten gemeinsamen Gang,
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Liebende,
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euch an den Mund hebt und ansetzt –: Getränk an Getränk:
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o wie entgeht dann der Trinkende seltsam der Handlung.

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Erstaunte euch nicht auf attischen Stelen die Vorsicht
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menschlicher Geste? war nicht Liebe und Abschied
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so leicht auf die Schultern gelegt, als wär es aus anderm
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Stoffe gemacht als bei uns? Gedenkt euch der Hände,
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wie sie drucklos beruhen, obwohl in den Torsen die Kraft steht.
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Diese Beherrschten wußten damit: so weit sind wirs,
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stemmen die Götter uns an. Doch dies ist Sache der Götter.

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Fänden auch wir ein reines, verhaltenes, schmales
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Menschliches, einen unseren Streifen Fruchtlands
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zwischen Strom und Gestein. Denn das eigene Herz übersteigt uns
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noch immer wie jene. Und wir können ihm nicht mehr
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nachschaun in Bilder, die es besänftigen, noch in
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göttliche Körper, in denen es größer sich mäßigt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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