Das Buch von der Armut und vom Tode

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Rainer Maria Rilke: Das Buch von der Armut und vom Tode (1903)

1
Vielleicht, daß ich durch schwere Berge gehe
2
in harten Adern, wie ein Erz allein;
3
und bin so tief, daß ich kein Ende sehe
4
und keine Ferne: alles wurde Nähe
5
und alle Nähe wurde Stein.

6
Ich bin ja noch kein Wissender im Wehe, –
7
so macht mich dieses große Dunkel klein;
8
bist
9
daß deine ganze Hand an mir geschehe
10
und ich an dir mit meinem ganzen Schrein.

11
Du Berg, der blieb da die Gebirge kamen, –
12
Hang ohne Hütten, Gipfel ohne Namen,
13
ewiger Schnee, in dem die Sterne lahmen,
14
und Träger jener Tale der Cyclamen,
15
aus denen aller Duft der Erde geht;
16
du, aller Berge Mund und Minaret
17
(von dem noch nie der Abendruf erschallte):

18
Geh ich in dir jetzt? Bin ich im Basalte
19
wie ein noch ungefundenes Metall?
20
Ehrfürchtig füll ich deine Felsenfalte,
21
und deine Härte fühl ich überall.

22
Oder ist das die Angst, in der ich bin?
23
die tiefe Angst der übergroßen Städte,
24
in die du mich gestellt hast bis ans Kinn?

25
O daß dir einer recht geredet hätte
26
von ihres Wesens Wahn und Abersinn.
27
Du stündest auf, du Sturm aus Anbeginn,
28
und triebest sie wie Hülsen vor dir hin . . .

29
Und willst du jetzt von mir: so rede recht, –
30
so bin ich nichtmehr Herr in meinem Munde,
31
der nichts als zugehn will wie eine Wunde;
32
und meine Hände halten sich wie Hunde
33
an meinen Seiten, jedem Ruf zu schlecht.

34
Du zwingst mich, Herr, zu einer fremden Stunde.

35
Mach mich zum Wächter deiner Weiten,
36
mach mich zum Horchenden am Stein,
37
gieb mir die Augen auszubreiten
38
auf deiner Meere Einsamsein;
39
laß mich der Flüsse Gang begleiten
40
aus dem Geschrei zu beiden Seiten
41
weit in den Klang der Nacht hinein.
42
Schick mich in deine leeren Länder,
43
durch die die weiten Winde gehn,
44
wo große Klöster wie Gewänder
45
um ungelebte Leben stehn.
46
Dort will ich mich zu Pilgern halten,
47
von ihren Stimmen und Gestalten
48
durch keinen Trug mehr abgetrennt,
49
und hinter einem blinden Alten
50
des Weges gehn, den keiner kennt.

51
Denn, Herr, die großen Städte sind
52
verlorene und aufgelöste;
53
wie Flucht vor Flammen ist die größte, –
54
und ist kein Trost, daß er sie tröste,
55
und ihre kleine Zeit verrinnt.

56
Da leben Menschen, leben schlecht und schwer,
57
in tiefen Zimmern, bange von Gebärde,
58
geängsteter denn eine Erstlingsherde;
59
und draußen wacht und atmet deine Erde,
60
sie aber sind und wissen es nicht mehr.

61
Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen,
62
die immer in demselben Schatten sind,
63
und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen
64
zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, –
65
und müssen Kind sein und sind traurig Kind.

66
Da blühen Jungfraun auf zum Unbekannten
67
und sehnen sich nach ihrer Kindheit Ruh;
68
das aber ist nicht da, wofür sie brannten,
69
und zitternd schließen sie sich wieder zu.
70
Und haben in verhüllten Hinterzimmern
71
die Tage der enttäuschten Mutterschaft,
72
der langen Nächte willenloses Wimmern
73
und kalte Jahre ohne Kampf und Kraft.
74
Und ganz im Dunkel stehn die Sterbebetten,
75
und langsam sehnen sie sich dazu hin;
76
und sterben lange, sterben wie in Ketten
77
und gehen aus wie eine Bettlerin.

78
Da leben Menschen, weißerblühte, blasse,
79
und sterben staunend an der schweren Welt.
80
Und keiner sieht die klaffende Grimasse,
81
zu der das Lächeln einer zarten Rasse
82
in namenlosen Nächten sich entstellt.

83
Sie gehn umher, entwürdigt durch die Müh,
84
sinnlosen Dingen ohne Mut zu dienen,
85
und ihre Kleider werden welk an ihnen,
86
und ihre schönen Hände altern früh.

87
Die Menge drängt und denkt nicht sie zu schonen,
88
obwohl sie etwas zögernd sind und schwach, –
89
nur scheue Hunde, welche nirgends wohnen,
90
gehn ihnen leise eine Weile nach.

91
Sie sind gegeben unter hundert Quäler,
92
und, angeschrien von jeder Stunde Schlag,
93
kreisen sie einsam um die Hospitäler
94
und warten angstvoll auf den Einlaßtag.

95
Dort ist der Tod. Nicht jener, dessen Grüße
96
sie in der Kindheit wundersam gestreift, –
97
der kleine Tod, wie man ihn dort begreift;
98
ihr eigener hängt grün und ohne Süße
99
wie eine Frucht in ihnen, die nicht reift.

100
O Herr, gieb jedem seinen eignen Tod.
101
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
102
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

103
Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
104
Der große Tod, den jeder in sich hat,
105
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

106
Um ihretwillen heben Mädchen an
107
und kommen wie ein Baum aus einer Laute,
108
und Knaben sehnen sich um sie zum Mann;
109
und Frauen sind den Wachsenden Vertraute
110
für Ängste, die sonst niemand nehmen kann.
111
Um ihretwillen
112
wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, –
113
und jeder, welcher bildete und baute,
114
ward Welt um diese Frucht, und fror und taute
115
und windete ihr zu und schien sie an.
116
In sie ist eingegangen alle Wärme
117
der Herzen und der Hirne weißes Glühn –:
118
Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwärme,
119
und sie erfanden alle Früchte grün.

120
Herr: Wir sind ärmer denn die armen Tiere,
121
die ihres Todes enden, wenn auch blind,
122
weil wir noch alle ungestorben sind.
123
das Leben aufzubinden in Spaliere,
124
um welche zeitiger der Mai beginnt.

125
Denn dieses macht das Sterben fremd und schwer,
126
daß es nicht
127
uns endlich nimmt, nur weil wir keinen reifen.
128
Drum geht ein Sturm, uns alle abzustreifen.

129
Wir stehn in deinem Garten Jahr und Jahr
130
und sind die Bäume, süßen Tod zu tragen;
131
aber wir altern in den Erntetagen,
132
und so wie Frauen, welche du geschlagen,
133
sind wir verschlossen, schlecht und unfruchtbar.

134
Oder ist meine Hoffahrt ungerecht:
135
sind Bäume besser? Sind wir nur Geschlecht
136
und Schooß von Frauen, welche viel gewähren? –
137
Wir haben mit der Ewigkeit gehurt,
138
und wenn das Kreißbett da ist, so gebären
139
wir unsres Todes tote Fehlgeburt;
140
den krummen, kummervollen Embryo,
141
der sich (als ob ihn Schreckliches erschreckte)
142
die Augenkeime mit den Händen deckte
143
und dem schon auf der ausgebauten Stirne
144
die Angst von allem steht, was er nicht litt, –
145
und alle schließen so wie eine Dirne
146
in Kindbettkrämpfen und am Kaiserschnitt.

147
Mach Einen herrlich, Herr, mach Einen groß,
148
bau seinem Leben einen schönen Schooß,
149
und seine Scham errichte wie ein Tor
150
in einem blonden Wald von jungen Haaren,
151
und ziehe durch das Glied des Unsagbaren
152
den Reisigen, den weißen Heeresscharen,
153
den tausend Samen, die sich sammeln, vor.
154
Und eine Nacht gieb, daß der Mensch empfinge
155
was keines Menschen Tiefen noch betrat;
156
gieb eine Nacht: da blühen alle Dinge,
157
und mach sie duftender als die Syringe
158
und wiegender denn deines Windes Schwinge
159
und jubelnder als Josaphat.
160
Und gieb ihm eines langen Tragens Zeit
161
und mach ihn weit in wachsenden Gewändern,
162
und schenk ihm eines Sternes Einsamkeit,
163
daß keines Auges Staunen ihn beschreit,
164
wenn seine Züge schmelzend sich verändern.

165
Erneue ihn mit einer reinen Speise,
166
mit Tau, mit ungetötetem Gericht,
167
mit jenem Leben, das wie Andacht leise
168
und warm wie Atem aus den Feldern bricht.

169
Mach, daß er seine Kindheit wieder weiß;
170
das Unbewußte und das Wunderbare
171
und seiner ahnungsvollen Anfangsjahre
172
unendlich dunkelreichen Sagenkreis.

173
Und also heiß ihn seiner Stunde warten,
174
da er den Tod gebären wird, den Herrn:
175
allein und rauschend wie ein großer Garten,
176
und ein Versammelter aus fern.

177
Das letzte Zeichen laß an uns geschehen,
178
erscheine in der Krone deiner Kraft,
179
und gieb uns jetzt (nach aller Weiber Wehen)
180
des Menschen ernste Mutterschaft.
181
Erfülle, du gewaltiger Gewährer,
182
nicht jenen Traum der Gottgebärerin, –
183
richt auf den Wichtigen: den Tod-Gebärer,
184
und führ uns mitten durch die Hände derer,
185
die ihn verfolgen werden, zu ihm hin.
186
Denn sieh, ich sehe seine Widersacher,
187
und sie sind mehr als Lügen in der Zeit, –
188
und er wird aufstehn in dem Land der Lacher
189
und wird ein Träumer heißen: denn ein Wacher
190
ist immer Träumer unter Trunkenheit.

191
Du aber gründe ihn in deine Gnade,
192
in deinem alten Glanze pflanz ihn ein;
193
und mich laß Tänzer dieser Bundeslade,
194
laß mich den Mund der neuen Messiade,
195
den Tönenden, den Täufer sein.

196
Ich will ihn preisen. Wie vor einem Heere
197
die Hörner gehen, will ich gehn und schrein.
198
Mein Blut soll lauter rauschen denn die Meere,
199
mein Wort soll süß sein, daß man sein begehre,
200
und doch nicht irre machen wie der Wein.

201
Und in den Frühlingsnächten, wenn nicht viele
202
geblieben sind um meine Lagerstatt,
203
dann will ich blühn in meinem Saitenspiele
204
so leise wie die nördlichen Aprile,
205
die spät und ängstlich sind um jedes Blatt.

206
Denn meine Stimme wuchs nach zweien Seiten
207
und ist ein Duften worden und ein Schrein:
208
die eine will den Fernen vorbereiten,
209
die andere muß meiner Einsamkeiten
210
Gesicht und Seligkeit und Engel sein.

211
Und gieb, daß beide Stimmen mich begleiten,
212
streust du mich wieder aus in Stadt und Angst.
213
Mit ihnen will ich sein im Zorn der Zeiten,
214
und dir aus meinem Klang ein Bett bereiten
215
an jeder Stelle, wo du es verlangst.

216
Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen
217
den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind;
218
ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen
219
und mit den Dingen, welche willig sind.
220
Nichts von dem weiten wirklichen Geschehen,
221
das sich um dich, du Werdender, bewegt,
222
geschieht in ihnen. Deiner Winde Wehen
223
fällt in die Gassen, die es anders drehen,
224
ihr Rauschen wird im Hin- und Wiedergehen
225
verwirrt, gereizt und aufgeregt.
226
Sie kommen auch zu Beeten und Alleen –:

227
Denn Gärten sind, – von Königen gebaut,
228
die eine kleine Zeit sich drin vergnügten
229
mit jungen Frauen, welche Blumen fügten
230
zu ihres Lachens wunderlichem Laut.
231
Sie hielten diese müden Parke wach;
232
sie flüsterten wie Lüfte in den Büschen,
233
sie leuchteten in Pelzen und in Plüschen,
234
und ihrer Morgenkleider Seidenrüschen
235
erklangen auf dem Kiesweg wie ein Bach.

236
Jetzt gehen ihnen alle Gärten nach –
237
und fügen still und ohne Augenmerk
238
sich in des fremden Frühlings helle Gammen
239
und brennen langsam mit des Herbstes Flammen
240
auf ihrer Äste großem Rost zusammen,
241
der kunstvoll wie aus tausend Monogrammen
242
geschmiedet scheint zu schwarzem Gitterwerk.
243
Und durch die Gärten blendet der Palast
244
(wie blasser Himmel mit verwischtem Lichte),
245
in seiner Säle welke Bilderlast
246
versunken wie in innere Gesichte,
247
fremd jedem Feste, willig zum Verzichte
248
und schweigsam und geduldig wie ein Gast.

249
Dann sah ich auch Paläste, welche leben;
250
sie brüsten sich den schönen Vögeln gleich,
251
die eine schlechte Stimme von sich geben.
252
Viele sind reich und wollen sich erheben, –
253
aber die Reichen

254
Nicht wie die Herren deiner Hirtenvölker,
255
der klaren, grünen Ebenen Bewölker
256
wenn sie mit schummerigem Schafgewimmel
257
darüber zogen wie ein Morgenhimmel.
258
Und wenn sie lagerten und die Befehle
259
verklungen waren in der neuen Nacht,
260
dann wars, als sei jetzt eine andre Seele
261
in ihrem flachen Wanderland erwacht –:
262
die dunklen Höhenzüge der Kamele
263
umgaben es mit der Gebirge Pracht.

264
Und der Geruch der Rinderherden lag
265
dem Zuge nach bis in den zehnten Tag,
266
war warm und schwer und wich dem Wind nicht aus.
267
Und wie in einem hellen Hochzeitshaus
268
die ganze Nacht die reichen Weine rinnen:
269
so kam die Milch aus ihren Eselinnen.

270
Und nicht wie jene Scheichs der Wüstenstämme,
271
die nächtens auf verwelktem Teppich ruhten,
272
aber Rubinen ihren Lieblingsstuten
273
einsetzen ließen in die Silberkämme.

274
Und nicht wie jene Fürsten, die des Golds
275
nicht achteten, das keinen Duft erfand,
276
und deren stolzes Leben sich verband
277
mit Ambra, Mandelöl und Sandelholz.

278
Nicht wie des Ostens weißer Gossudar,
279
dem Reiche eines Gottes Recht erwiesen;
280
er aber lag mit abgehärmtem Haar,
281
die alte Stirne auf des Fußes Fliesen,
282
und weinte, – weil aus allen Paradiesen
283
nicht

284
Nicht wie die Ersten alter Handelshäfen,
285
die sorgten, wie sie ihre Wirklichkeit
286
mit Bildern ohnegleichen überträfen
287
und ihre Bilder wieder mit der Zeit;
288
und die in ihres goldnen Mantels Stadt
289
zusammgefaltet waren wie ein Blatt,
290
nur leise atmend mit den weißen Schläfen . . .

291
Das waren Reiche, die das Leben zwangen
292
unendlich weit zu sein und schwer und warm.
293
Aber der Reichen Tage sind vergangen,
294
und keiner wird sie dir zurückverlangen,
295
nur mach die Armen endlich wieder arm.

296
Sie sind es nicht. Sie sind nur die Nicht-Reichen,
297
die ohne Willen sind und ohne Welt;
298
gezeichnet mit der letzten Ängste Zeichen
299
und überall entblättert und entstellt.
300
Zu ihnen drängt sich aller Staub der Städte,
301
und aller Unrat hängt sich an sie an.
302
Sie sind verrufen wie ein Blatternbette,
303
wie Scherben fortgeworfen, wie Skelette,
304
wie ein Kalender, dessen Jahr verrann, –
305
und doch: wenn deine Erde Nöte hätte:
306
sie reihte sie an eine Rosenkette
307
und trüge sie wie einen Talisman.

308
Denn sie sind reiner als die reinen Steine
309
und wie das blinde Tier, das erst beginnt,
310
und voller Einfalt und unendlich Deine
311
und wollen nichts und brauchen nur das

312
so arm sein dürfen, wie sie wirklich sind.

313
Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen . . .

314
Du bist der Arme, du der Mittellose,
315
du bist der Stein, der keine Stätte hat,
316
du bist der fortgeworfene Leprose,
317
der mit der Klapper umgeht vor der Stadt.

318
Denn dein ist nichts, so wenig wie des Windes,
319
und deine Blöße kaum bedeckt der Ruhm;
320
das Alltagskleidchen eines Waisenkindes
321
ist herrlicher und wie ein Eigentum.

322
Du bist so arm wie eines Keimes Kraft
323
in einem Mädchen, das es gern verbürge
324
und sich die Lenden preßt, daß sie erwürge
325
das erste Atmen ihrer Schwangerschaft.
326
Und du bist arm: so wie der Frühlingsregen,
327
der selig auf der Städte Dächer fällt,
328
und wie ein Wunsch, wenn Sträflinge ihn hegen
329
in einer Zelle, ewig ohne Welt.
330
Und wie die Kranken, die sich anders legen
331
und glücklich sind; wie Blumen in Geleisen
332
so traurig arm im irren Wind der Reisen;
333
und wie die Hand, in die man weint, so arm . . .

334
Und was sind Vögel gegen dich, die frieren,
335
was ist ein Hund, der tagelang nicht fraß,
336
und
337
das stille lange Traurigsein von Tieren,
338
die man als Eingefangene vergaß?

339
Und alle Armen in den Nachtasylen,
340
was sind sie gegen dich und deine Not?
341
Sie sind nur kleine Steine, keine Mühlen,
342
aber sie mahlen doch ein wenig Brot.

343
Du aber bist der tiefste Mittellose,
344
der Bettler mit verborgenem Gesicht;
345
du bist der Armut große Rose,
346
die ewige Metamorphose
347
des Goldes in das Sonnenlicht.

348
Du bist der leise Heimatlose,
349
der nichtmehr einging in die Welt:
350
zu groß und schwer zu jeglichem Bedarfe.
351
Du heulst im Sturm. Du bist wie eine Harfe,
352
an welcher jeder Spielende zerschellt.

353
Du, der du weißt, und dessen weites Wissen
354
aus Armut ist und Armutsüberfluß:
355
Mach, daß die Armen nichtmehr fortgeschmissen
356
und eingetreten werden in Verdruß.
357
Die andern Menschen sind wie ausgerissen;
358
sie aber stehn wie eine Blumen-Art
359
aus Wurzeln auf und duften wie Melissen
360
und ihre Blätter sind gezackt und zart.

361
Betrachte sie und sieh, was ihnen gliche:
362
sie rühren sich wie in den Wind gestellt
363
und ruhen aus wie etwas, was man hält.
364
In ihren Augen ist das feierliche
365
Verdunkeltwerden lichter Wiesenstriche,
366
auf die ein rascher Sommerregen fällt.

367
Sie sind so still; fast gleichen sie den Dingen.
368
Und wenn man sich sie in die Stube lädt,
369
sind sie wie Freunde, die sich wiederbringen,
370
und gehn verloren unter dem Geringen
371
und dunkeln wie ein ruhiges Gerät.

372
Sie sind wie Wächter bei verhängten Schätzen,
373
die sie bewahren, aber selbst nicht sahn, –
374
getragen von den Tiefen wie ein Kahn,
375
und wie das Leinen auf den Bleicheplätzen
376
so ausgebreitet und so aufgetan.

377
Und sieh, wie ihrer Füße Leben geht:
378
wie das der Tiere, hundertfach verschlungen
379
mit jedem Wege; voll Erinnerungen
380
an Stein und Schnee und an die leichten, jungen
381
gekühlten Wiesen, über die es weht.

382
Sie haben Leid von jenem großen Leide,
383
aus dem der Mensch zu kleinem Kummer fiel;
384
des Grases Balsam und der Steine Schneide
385
ist ihnen Schicksal, – und sie lieben beide
386
und gehen wie auf deiner Augen Weide
387
und so wie Hände gehn im Saitenspiel.

388
Und ihre Hände sind wie die von Frauen,
389
und irgendeiner Mutterschaft gemäß;
390
so heiter wie die Vögel wenn sie bauen, –
391
im Fassen warm und ruhig im Vertrauen,
392
und anzufühlen wie ein Trinkgefäß.

393
Ihr Mund ist wie der Mund an einer Büste,
394
der nie erklang und atmete und küßte
395
und doch aus einem Leben das verging
396
das alles, weise eingeformt, empfing
397
und sich nun wölbt, als ob er alles wüßte –
398
und doch nur Gleichnis ist und Stein und Ding . . .

399
Und ihre Stimme kommt von ferneher
400
und ist vor Sonnenaufgang aufgebrochen,
401
und war in großen Wäldern, geht seit Wochen,
402
und hat im Schlaf mit Daniel gesprochen
403
und hat das Meer gesehn, und sagt vom Meer.

404
Und wenn sie schlafen, sind sie wie an alles
405
zurückgegeben was sie leise leiht,
406
und weit verteilt wie Brot in Hungersnöten
407
an Mitternächte und an Morgenröten,
408
und sind wie Regen voll des Niederfalles
409
in eines Dunkels junge Fruchtbarkeit.
410
Dann bleibt nicht
411
auf ihrem Leib zurück, der keimbereit
412
sich bettet wie der Samen jenes Samens,
413
aus dem du stammen wirst von Ewigkeit.

414
Und sieh: ihr Leib ist wie ein Bräutigam
415
und fließt im Liegen hin gleich einem Bache,
416
und lebt so schön wie eine schöne Sache,
417
so leidenschaftlich und so wundersam.
418
In seiner Schlankheit sammelt sich das Schwache,
419
das Bange, das aus vielen Frauen kam;
420
doch sein Geschlecht ist stark und wie ein Drache
421
und wartet schlafend in dem Tal der Scham.

422
Denn sieh: sie werden leben und sich mehren
423
und nicht bezwungen werden von der Zeit,
424
und werden wachsen wie des Waldes Beeren
425
den Boden bergend unter Süßigkeit.

426
Denn selig sind, die niemals sich entfernten
427
und still im Regen standen ohne Dach;
428
zu ihnen werden kommen alle Ernten,
429
und ihre Frucht wird voll sein tausendfach.

430
Sie werden dauern über jedes Ende
431
und über Reiche, deren Sinn verrinnt,
432
und werden sich wie ausgeruhte Hände
433
erheben, wenn die Hände aller Stände
434
und aller Völker müde sind.

435
Nur nimm sie wieder aus der Städte Schuld,
436
wo ihnen alles Zorn ist und verworren
437
und wo sie in den Tagen aus Tumult
438
verdorren mit verwundeter Geduld.

439
Hat denn für sie die Erde keinen Raum?
440
Wen sucht der Wind? Wer trinkt des Baches Helle?
441
Ist in der Teiche tiefem Ufertraum
442
kein Spiegelbild mehr frei für Tür und Schwelle?
443
Sie brauchen ja nur eine kleine Stelle,
444
auf der sie alles haben wie ein Baum.

445
Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein.
446
Drin wandelt sich das Ewige zur Speise,
447
und wenn der Abend kommt, so kehrt es leise
448
zu sich zurück in einem weiten Kreise
449
und geht voll Nachklang langsam in sich ein.
450
Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein.

451
Des Armen Haus ist wie des Kindes Hand.
452
Sie nimmt nicht, was Erwachsene verlangen;
453
nur einen Käfer mit verzierten Zangen,
454
den runden Stein, der durch den Bach gegangen,
455
den Sand, der rann, und Muscheln, welche klangen;
456
sie ist wie eine Waage aufgehangen
457
und sagt das allerleiseste Empfangen
458
langschwankend an mit ihrer Schalen Stand.
459
Des Armen Haus ist wie des Kindes Hand.

460
Und wie die Erde ist des Armen Haus:
461
Der Splitter eines künftigen Kristalles,
462
bald licht, bald dunkel in der Flucht des Falles;
463
arm wie die warme Armut eines Stalles, –
464
und doch sind Abende: da ist sie alles,
465
und alle Sterne gehen von ihr aus.

466
Die Städte aber wollen nur das Ihre
467
und reißen alles mit in ihren Lauf.
468
Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere
469
und brauchen viele Völker brennend auf.

470
Und ihre Menschen dienen in Kulturen
471
und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß,
472
und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren
473
und fahren rascher, wo sie langsam fuhren,
474
und fühlen sich und funkeln wie die Huren
475
und lärmen lauter mit Metall und Glas.

476
Es ist, als ob ein Trug sie täglich äffte,
477
sie können gar nicht mehr sie selber sein;
478
das Geld wächst an, hat alle ihre Kräfte
479
und ist wie Ostwind groß, und sie sind klein
480
und ausgeholt und warten, daß der Wein
481
und alles Gift der Tier- und Menschensäfte
482
sie reize zu vergänglichem Geschäfte.

483
Und deine Armen leiden unter diesen
484
und sind von allem, was sie schauen, schwer
485
und glühen frierend wie in Fieberkrisen
486
und gehn, aus jeder Wohnung ausgewiesen,
487
wie fremde Tote in der Nacht umher;
488
und sind beladen mit dem ganzen Schmutze,
489
und wie in Sonne Faulendes bespien, –
490
von jedem Zufall, von der Dirnen Putze,
491
von Wagen und Laternen angeschrien.

492
Und giebt es einen Mund zu ihrem Schutze,
493
so mach ihn mündig und bewege ihn.

494
O wo ist der, der aus Besitz und Zeit
495
zu seiner großen Armut so erstarkte,
496
daß er die Kleider abtat auf dem Markte
497
und bar einherging vor des Bischofs Kleid.
498
Der Innigste und Liebendste von allen,
499
der kam und lebte wie ein junges Jahr;
500
der braune Bruder deiner Nachtigallen,
501
in dem ein Wundern und ein Wohlgefallen
502
und ein Entzücken an der Erde war.

503
Denn er war keiner von den immer Müdern,
504
die freudeloser werden nach und nach,
505
mit kleinen Blumen wie mit kleinen Brüdern
506
ging er den Wiesenrand entlang und sprach.
507
Und sprach von sich und wie er sich verwende
508
so daß es allem eine Freude sei;
509
und seines hellen Herzens war kein Ende,
510
und kein Geringes ging daran vorbei.
511
Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte,
512
und seine Zelle stand in Heiterkeit.
513
Das Lächeln wuchs auf seinem Angesichte
514
und hatte seine Kindheit und Geschichte
515
und wurde reif wie eine Mädchenzeit.

516
Und wenn er sang, so kehrte selbst das Gestern
517
und das Vergessene zurück und kam;
518
und eine Stille wurde in den Nestern,
519
und nur die Herzen schrieen in den Schwestern,
520
die er berührte wie ein Bräutigam.

521
Dann aber lösten seines Liedes Pollen
522
sich leise los aus seinem roten Mund
523
und trieben träumend zu den Liebevollen
524
und fielen in die offenen Corollen
525
und sanken langsam auf den Blütengrund.

526
Und sie empfingen ihn, den Makellosen,
527
in ihrem Leib, der ihre Seele war.
528
Und ihre Augen schlossen sich wie Rosen,
529
und voller Liebesnächte war ihr Haar.

530
Und ihn empfing das Große und Geringe.
531
Zu vielen Tieren kamen Cherubim
532
zu sagen, daß ihr Weibchen Früchte bringe, –
533
und waren wunderschöne Schmetterlinge:
534
denn ihn erkannten alle Dinge
535
und hatten Fruchtbarkeit aus ihm.

536
Und als er starb, so leicht wie ohne Namen,
537
da war er ausgeteilt: sein Samen rann
538
in Bächen, in den Bäumen sang sein Samen
539
und sah ihn ruhig aus den Blumen an.
540
Er lag und sang. Und als die Schwestern kamen,
541
da weinten sie um ihren lieben Mann.

542
O wo ist er, der Klare, hingeklungen?
543
Was fühlen ihn, den Jubelnden und Jungen,
544
die Armen, welche harren, nicht von fern?

545
Was steigt er nicht in ihre Dämmerungen –
546
der Armut großer Abendstern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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