Aus schwarzblauer Wolken Geschiebe

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Felix Dörmann: Aus schwarzblauer Wolken Geschiebe Titel entspricht 1. Vers(1857)

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Aus schwarzblauer Wolken Geschiebe
2
Der Funkelstern der Liebe
3
Glutäugig zu lodern beginnt,
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Zerfetzte Nebelstreifen
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Grausilbern schwimmen und schweifen
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Und schaukeln im Abendwind;
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Aus müdgebeugten Weiden
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Eintönig rauscht und singt
9
Ein Wasser durch die Haiden,
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Von nickenden Gräsern umringt;
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In Lüften, rosig-feuchten,
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Kastaniendüfte zieh'n,
13
Johanniswürmer leuchten,
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Nachtvögel huschen und flieh'n.

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Und reich und immer reicher
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Entflammt der Sterne Pracht,
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Und weich und immer weicher
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Und schwüler athmet die Nacht.
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Die Wolken sind versunken
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Am fernen Horizont;
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Flüssigen Silbers trunken,
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Weißglühend naht der Mond ...

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Die jugendfrischen Mienen
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Vom Lichte weich umschienen,
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Ein Knab' die Straße zog,
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Wie rothe Haideblüthen
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Die Wangen ihm erglühten,
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Ein Lied vom Mund ihm flog.
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Hinaus in die strahlenden, hellen
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Gefilde, selig und frei,
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Wie Lerchengeschmetter schwellen
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Die Töne und verquellen
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In einen Jubelschrei.
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Im Überschwang der Gefühle
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In's Haidekraut er springt,
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Und Gräser, thauig-kühle,
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Sein bebender Arm umschlingt.
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Er küsst die schimmernden Kronen
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Am Boden, leben-geschwellt:

40
»möcht' immer auf dir wohnen,
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Du liebe, süße Welt.
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O Gott, wie ist das Leben
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So schön, so wunderschön,
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Möcht' wie der Vogel schweben
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Leicht über Thal und Höh'n!
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Dann wär' die Welt mein eigen,
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Die ganze reiche Welt,
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Dann wollt' ich niedersteigen,
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Wo's eben mir gefällt;
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Und jauchzend wollt ich umwinden
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Und küssen ein liebliches Kind.
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O sagt mir wo eines zu finden,
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O sagt es geschwind.« ...

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Da schauert leise, leise
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In's Ohr ihm eine Weise,
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So traurig, sehnsuchtsvoll,
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Und schmeichelnde Stimmen erwidern
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Mit heiß-durchhauchten Liedern –
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Und wildes Schluchzen schwoll.

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»das sind der Willis' Schaaren! –
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Jetzt soll mich Gott bewahren.«
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Und nah und immer näher
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Ein blasser Reigen schwebt,
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Und weh' und immer weher
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Ein klagendes Singen bebt:

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»wir sind verstorbene Bräute.
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Hochzeitliches Geläute
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Umklang uns nie, ach nie!
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Uns grüßte statt jauchzender Reigen
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Nur weinender Todesgeigen
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Grabdunkle Melodie;
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Wir haben heiß empfunden,
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Doch nie dem Geliebten verbunden,
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Hat jede nur Liebe geträumt,
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Uns gläubig hinzugeben
76
Auf Sterben und auf Leben –
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Wir habens verschmäht und versäumt.
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Nun sind wir schlafen 'gangen,
79
Doch loderndes Verlangen
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Aus Grab und Gruft uns hebt,
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Nach Küssen, selig bangen,
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Nach zärtlichem Umfangen
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Die Seele stöhnt und bebt.
84
O Du sollst selig werden,
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Wie keiner noch auf Erden.
86
O komm' in unsern Kreis,
87
Wir wollen Dich umschließen,
88
Und jauchzen und genießen –
89
Und küssen – schwer und heiß.«

90
Die Willis, blass vor Sehnen,
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Sich ihm entgegen dehnen,
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Die dunklen Feueraugen
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In seine sich senken und saugen
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So zärtlich, süß und wild,
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Der Lippen Purpurrosen
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Die seinen weich umkosen,
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Ihr Hauch ihn warm umquillt –
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Da schnürt auch ihm die Kehle
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Fiebernder Sehnsucht Faust –
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Und zischend durch die Seele
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Ein Glutstrom sengt und braust.
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Die Glieder, die wonnedurchgrauten,
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Von trunk'ner Begierde gewiegt,
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Mit stammelnden Liebeslauten
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Den Willis entgegen er fliegt.

106
Und in zitterndem Verlangen
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Schmiegt er seine heißen Wangen
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Einer Willa zärtlich an.
109
Ihre feinen, weichen Hände
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Fassen ihn um's Haupt,
111
Küsse, Küsse ohne Ende,
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Bis er zu ersticken glaubt.

113
Seliges Jauchzen der Willis erklingt,
114
Weiter der Reigen schwingt.
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Aus dem Arm der Feinen, Kleinen
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Reißt mit zornig-wildem Weinen
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Ihn ein düster-schönes Weib.
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Hoch auf wogt der üppig-volle,
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Leidenschaftlich-zärtlich-tolle,
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Lustversengte, blasse Leib –
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Und schon hat zu wilden Wonnen
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Stürmisch ihn das Weib umsponnen.
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Ächzen von Brust zu Brust,
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Lallende Laute der Lust,
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Jäh dann ein wüthender Schrei:
126
»wer wagt sich herbei!
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Mein ist er, mein,
128
Ganz allein!«

129
Höhnisches Kichern der Willis erklingt,
130
Weiter der Reigen schwingt.

131
Schimmernde Leiber umfliegen
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Enger und enger den Mann;
133
Glühende Glieder schmiegen
134
Keuchend sich an,
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Zitternde, lebenswarme,
136
Schlangengeschmeidige Arme
137
Schnüren und pressen ihn ein,
138
Seligstes Genießen –
139
Wonnewirbel schießen
140
Heiß durch Mark und Bein.

141
Schwellende Jubelweisen;
142
Wilder und wilder sie kreisen.

143
Mit weißem Schaum umflogen
144
Die Lippen scharlachroth,
145
Die Willis ihn umwogen,
146
Geschüttelt und gebogen,
147
Von liebestoller Noth.
148
Die wollustfeuchten, dunkeln
149
Nachtaugen blitzen, funkeln,
150
Sie lodern, sprüh'n und glüh'n,
151
Wie Sterne – roth und grün.

152
Toller und toller der Reigen schwingt,
153
Zähneknirschen der Willis erklingt,
154
Heisere Gurgeltöne,
155
Raubthiergestöhne,
156
Krachen und Klingen von reißendem Fleisch,
157
Wehegekreisch,
158
Gellende Laute der Raserei,
159
Und inmitten,
160
Qualenzerschnitten! –
161
Ein Sterbeschrei ...

162
Durch müdgebeugte Weiden
163
Das fahle Frühlicht rann,
164
Da lag auf rother Haiden
165
Herzblutig, im Verscheiden,
166
Ein todtgeliebter Mann ...

167
Fernab der Reigen der Willis schwingt,
168
Fernab tosendes Jauchzen verklingt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dörmann
(18701928)

* 29.05.1870 in Wien, † 26.10.1928 in Wien

männlich, geb. Dörmann

österreichischer Schriftsteller, Librettist und Filmproduzent

(Aus: Wikidata.org)

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