Ein gewölbtes, winkelreiches Zimmer

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Felix Dörmann: Ein gewölbtes, winkelreiches Zimmer Titel entspricht 1. Vers(1857)

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Ein gewölbtes, winkelreiches Zimmer,
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Krause Möbel von verblich'ner Pracht,
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Todtenstille; – gelber Lampenschimmer
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Um ein Schreibpult, weiterhin die Nacht.
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Halbgeschloss'nen Auges, schlummertrunken,
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Tief im Lehnstuhl, überschlank und bleich
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Ruht ein Jüngling, in sich selbst versunken,
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Ohne Regung, einem Todten gleich.
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Plötzlich aber fährt er aus den Kissen,
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Wie berührt von Geisterhand, empor,
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Dumpfgebroch'nen Lautes, qualzerrissen,
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Rollt und grollt es jäh aus ihm hervor:
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»schwach und hilflos, aller Welt zum Hohne?
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Alte Puppen im erneuten Kleid?
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Nur ein lendenlahmer Epigone?!
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Das mein Schicksal?! Nein! noch ist es Zeit!
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Sei's durch Gift und Kunst auch, ich will denken,
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Will unsterblich und ein Dichter sein!«
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Zitternd zuckt die Faust nach trüben Tränken,
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Gierig saugen sie die Lippen ein;
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Fieberhaft beginnt das Blut zu kreisen,
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Dunkler seine Wange glänzt und glüht,
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Seinem Mund entquellen wilde Weisen,
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Sein entflammtes Auge blitzt und sprüht.
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Raubthierwüthig jagt er durch das Zimmer,
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Von den Schläfen tropft's ihm heiß und kalt,
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Jubel wechselt mit der Qual Gewimmer,
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Und er donnert, säuselt, kreischt und lallt.
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Da – auf einmal steht er traumverloren,
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Nur sein Fieberauge starrt und starrt:
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Ist's ein Mensch, gleich ihm in Fleisch geboren,
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Ist's ein Trugbild, das die Sinne narrt? –
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Majestätisch schreitet ihm entgegen
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Eines Mannes mächtige Gestalt;
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Um das marmorbleiche Antlitz legen
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Sich die Locken schwer und dichtgeballt,
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Von den Schultern quellen reichgeraffte,
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Königliche Falten, goldverbrämt,
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Und das Haupt, das schöne, grausenhafte,
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Räthselvolle, ist bediademt.
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Seltsam-starre, dunkle Blicke senken
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Sich vom Gaste zu dem Dichter her,
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Sie verlöschten Dichten ihm und Denken
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Löschen, löschen alles los und leer.
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Schauernd vor dem Gast im Scharlachkleide
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Mit dem düster-schönen Angesicht,
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Mit dem kronengleichen Hauptgeschmeide,
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Schauernd – der Poet zusammenbricht.
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Da, wie sich im Fall die Augen wenden
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Wie sein Blick mit eins zu Boden rollt,
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Sieht er plötzlich in des Gastes Händen
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Einen Kranz von dunkelrothem Gold.
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Jubel wird und Lust sein banges Stöhnen
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Siegestrunken, stolz sein Aug' erglimmt!
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»ach, Du kamst als Dichter mich zu krönen,
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Mir zum Preis ist dieser Kranz bestimmt!
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Lass Dein hämisch-zages Zaudern enden;
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Das der höchsten Wonne mich beraubt,
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Her den Kranz! Ich selbst will ihn vollenden
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Meinen Sieg« – und er umzinkt sein Haupt. –
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Klagend aber stürzt er, schreiend nieder,
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Denn die Krone glüht auf seiner Stirn,
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Zuckend wälzen sich die schlanken Glieder,
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Und er stöhnt: »Mein Hirn, mein armes Hirn!«
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Will vom Haupte sich die Krone reißen,
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Immer tiefer frisst sie sich hinein.
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Roth und röther ihre Zacken gleißen,
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Schauerlich umloht ihn Purpurschein.
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Im verglasten Aug' ein letztes Schimmern,
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Halberstickt von rettungsloser Nacht,
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Schaumbedeckt die blauen Lippen wimmern:
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»diese Krone, wer hat sie gebracht?
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Mann, wer bist Du, wer hat Dich gesendet?
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Nein, zuerst die Krone mir vom Haupt,
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Dass die Qual, die Todesqual doch endet,
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Die den Schädel mir zu Scherben schraubt.
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Soll ich vor Dir winseln?, soll ich beten? –
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Sag', was Deinen Qualenhunger stillt!
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Willst Du meine Seele ganz zertreten?
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Nicht den Blick, aus dem der Wahnwitz quillt,
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Weg mit Dir! Wer trug nach Dir Verlangen?,
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Dein Geschenk ist Untergang und Graus!
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Deinen Bruder glaubt ich zu empfangen,
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Warum tratest Du zu mir in's Haus?«
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Und, mit hochgespreizten Geierkrallen,
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Springt er brüllend auf den dunklen Gast,
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Taumelt rückwärts mit verthiertem Lallen,
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Stürzt zu Boden, von der Wuth erfasst;
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In den Kleidern wühlt er mit den Nägeln,
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Bis er sich auf Fleisch und Knochen gräbt,
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Seine Fäuste schleudert er gleich Schlägeln
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Sich in's Antlitz, bis es Blut verklebt.
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Nimmer ahnt er, dass er je gesungen,
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Nimmer ahnt er, dass er je gedacht,
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All sein Wollen hat mit eins verschlungen
96
Rettungslos, für immerdar die Nacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dörmann
(18701928)

* 29.05.1870 in Wien, † 26.10.1928 in Wien

männlich, geb. Dörmann

österreichischer Schriftsteller, Librettist und Filmproduzent

(Aus: Wikidata.org)

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