Der Scheidestunde thränendumpfe Schwermuth

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Felix Dörmann: Der Scheidestunde thränendumpfe Schwermuth Titel entspricht 1. Vers(1857)

1
Der Scheidestunde thränendumpfe Schwermuth,
2
Die noch ein letztes Mal in endlos-langen,
3
Wildheißen Küssen und in Händedrücken,
4
Die wortlos-bebend alles sagen, schwelgt, –
5
Der ganze melancholisch-süße Reiz,
6
Der solche Stunden schmückt, er blieb Dir fremd,
7
Ganz fremd. Nicht einmal eine Ahnung schien
8
Dich heimzusuchen, um Dir einzuraunen,
9
Dass man in solchen Stunden manchesmal
10
Ein wenig traurig ist und thränenlustig.
11
Nein, – unter anmuthfröhlichem Geplauder
12
Erharrtest Du den Zug, der Dich von dannen,
13
Nach Deiner meerumspannten Heimat führe,
14
Zum heißersehnten, sonnenrothen Süden.
15
Graziös und spöttisch elegant entflog
16
In rascher Folge Deinem üppigen Mund
17
Manch' feingeschliffen, witzgetränktes Wort.
18
Da – plötzlich – löstest Du mit rascher Hand
19
Aus Deinem Brustbouquet zwei Tuberosen
20
Und gabst sie mir. Auf Deinem warmgetönten
21
Goldbraunen Antlitz lag ein feines Lächeln,
22
Und Deine hochgeschnittenen Nüstern bebten
23
In leichtem Hohn: »Die beiden Rosen gibst Du
24
Der ersten, die nach mir Dich wieder küsst,
25
Als Liebeszeichen, ja? Doch eile Dich,
26
Verwelkte Rosen kann man nicht verschenken.
27
Und diese blutgefärbte Nelke – hier –
28
Aus Deinem Knopfloch – fährt mit mir nach Süden,
29
Und will's der Himmel, kann ich sie noch duftend
30
In eines lieben Freundes Hände legen.
31
Und wenn wir dann, im Meeressand vergraben,
32
Umzittert von des Mondes blassem Gold,
33
In halben Worten, halben Tönen plaudern,
34
Dazwischen wieder auf die Plätscherlaute
35
Der funkenübersäten Wogenkämme
36
Und auf der Winde leises Zischen hören,
37
Dann will ich ihm vom nordischen Exil
38
Und auch von Dir, mein stummer Freund, berichten,
39
Dann sag' ich ihm, dass Du ihn grüßen lässt,
40
Wenn auch ganz unbekannter Weise, sag' ihm
41
Noch manches andere höchstwahrscheinlich, was mir
42
In jenem Augenblick gerade einfällt,
43
Und was ihm Freude macht, wenn er's vernimmt.
44
Und was ich Gutes kann von Dir berichten
45
Und Liebes auch von Dir, das soll er wissen.
46
Und fragt er mich, warum ich fortgelaufen
47
Von einem Menschen, der so nett gewesen,
48
Der mich beinah' geliebt und angebetet,
49
So sag' ich ihm – ... ich weiß es selbst nicht recht:
50
Ich hab' ihn gern gehabt, ich kann's nicht läugnen,
51
Doch schließlich hat man Heimweh', Langeweile,
52
Man lechzt nach neuen, niegeschauten Dingen,
53
Man träumt von alten, schwervermissten wieder.
54
Und dann – die Deutschen sind so ernst und nüchtern,
55
So gründlich und pedantisch! Lachend küssen
56
Und lachend selig sein und lachend lieben,
57
Das wär' ein Deutscher nicht, der das vermöchte.
58
Ich aber brauche Licht und Luft und Glanz,
59
Und wechselvolles, farbenheißes Leben,
60
Und ich will lachen, singen, jauchzen, tanzen
61
Und übermüthig sein; – ich hab' ja Blut,
62
Hellrothes, heißes, tolles Blut im Leibe,
63
Und lieben will ich, wie's mein Herz befiehlt!«

64
Ein harter Glockenanschlag, Hornsignale,
65
Ein schriller Pfiff, – von Deinen Lippen bricht
66
Der wilde Freudenschrei: »Nach Süden geht es!«
67
Und Dein Addio stirbt im Wagenrollen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Felix Dörmann
(18701928)

* 29.05.1870 in Wien, † 26.10.1928 in Wien

männlich, geb. Dörmann

österreichischer Schriftsteller, Librettist und Filmproduzent

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.