9.

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Johann Wolfgang Goethe: 9. (1790)

1
»sag, was enthält die Kirchengeschichte?
2
Sie wird mir in Gedanken zunichte;
3
Es gibt unendlich viel zu lesen,
4
Was ist denn aber das alles gewesen?«

5
Zwei Gegner sind es, die sich boxen,
6
Die Arianer und Orthodoxen.
7
Durch viele Säkla dasselbe geschicht,
8
Es dauert bis an das Jüngste Gericht.

9
Der Vater ewig in Ruhe bleibt,
10
Er hat der Welt sich einverleibt.

11
Der Sohn hat Großes unternommen:
12
Die Welt zu erlösen, ist angekommen;
13
Hat gut gelehrt und viel ertragen,
14
Wie das [?] noch heut in unsern Tagen.

15
Nun aber kommt der Heilig Geist,
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Er wirkt am Pfingsten allermeist.
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Woher er kommt, wohin er weht,
18
Das hat noch niemand ausgespäht.
19
Sie geben ihm nur eine kurze Frist,
20
Da er doch Erst' und Letzter ist.

21
Deswegen wir treulich, unverstohlen
22
Das alte Credo wiederholen:
23
Anbetend sind wir all' bereit
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Die ewige Dreifaltigkeit.

25
Mit Kirchengeschichte was hab ich zu schaffen?
26
Ich sehe weiter nichts als Pfaffen;
27
Wie's um die Christen steht, die Gemeinen,
28
Davon will mir gar nichts erscheinen.

29
Ich hätt auch können Gemeinde sagen,
30
Ebensowenig wäre zu erfragen.

31
Glaubt nicht, daß ich fasele, daß ich dichte;
32
Seht hin und findet mir andre Gestalt!
33
Es ist die ganze Kirchengeschichte
34
Mischmasch von Irrtum und von Gewalt.

35
Ihr Gläubigen! rühmt nur nicht euren Glauben
36
Als einzigen! Wir glauben auch wie ihr.
37
Der Forscher läßt sich keineswegs berauben
38
Des Erbteils, aller Welt gegönnt – und mir.

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Ein Sadduzäer will ich bleiben! –
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Das könnte mich zur Verzweiflung treiben,
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Wenn von dem Volk, das hier mich bedrängt,
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Auch würde die Ewigkeit eingeengt;
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Das wäre doch nur der alte Platsch,
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Droben gäb's nur verklärten Klatsch.
45
»sei nicht so heftig, sei nicht so dumm!
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Da drüben bildet sich alles um.«

47
Ich habe nichts gegen die Frömmigkeit,
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Sie ist zugleich Bequemlichkeit;
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Wer ohne Frömmigkeit will leben,
50
Muß großer Mühe sich ergeben:
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Auf seine eigne Hand zu wandern,
52
Sich selbst genügen und den andern
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Und freilich auch dabei vertraun,
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Gott werde wohl auf ihn niederschaun.

55
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
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Hat auch Religion;
57
Wer jene beiden nicht besitzt,
58
Der habe Religion.

59
Niemand soll ins Kloster gehn,
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Als er sei denn wohl versehn
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Mit gehörigem Sündenvorrat,
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Damit es ihm so früh als spat
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Nicht mög am Vergnügen fehlen,
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Sich mit Reue durchzuquälen.

65
Laßt euch nur von Pfaffen sagen,
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Was die Kreuzigung eingetragen!
67
Niemand kommt zum höchsten Flor
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Von Kranz und Orden,
69
Wenn einer nicht zuvor
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Derb gedroschen worden.

71
Den deutschen Mannen gereicht's zum Ruhm,
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Daß sie gehaßt das Christentum,
73
Bis Herrn Carolus' leidigem Degen
74
Die edlen Sachsen unterlegen.

75
Doch haben sie lange genug gerungen,
76
Bis endlich die Pfaffen sie bezwungen
77
Und sie sich unters Joch geduckt;
78
Doch haben sie immer einmal gemuckt.
79
Sie lagen nur im halben Schlaf,
80
Als Luther die Bibel verdeutscht so brav.
81
Sankt Paulus, wie ein Ritter derb,
82
Erschien den Rittern minder herb.
83
Freiheit erwacht in jeder Brust,
84
Wir protestieren all mit Lust.

85
»ist Konkordat und Kirchenplan
86
Nicht glücklich durchgeführt?« –
87
Ja fangt einmal mit Rom nur an,
88
Da seid ihr angeführt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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