8.

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Johann Wolfgang Goethe: 8. (1790)

1
Freund, wer ein Lump ist, bleibt ein Lump,
2
Zu Wagen, Pferd und Fuße;
3
Drum glaub an keinen Lumpen je,
4
An keines Lumpen Buße.

5
Bin ich für 'ne Sache eingenommen,
6
Die Welt, denk ich, muß mit mir kommen;
7
Doch welch ein Greuel muß mir erscheinen,
8
Wenn Lumpe sich wollen mit mir vereinen.

9
Für und wider zu dieser Stunde
10
Quengelt ihr schon seit vielen Jahren:
11
Was ich getan, ihr Lumpenhunde!
12
Werdet ihr nimmermehr erfahren.

13
»so sei doch höflich!« – Höflich mit dem Pack?
14
Mit Seide näht man keinen groben Sack.

15
Wie mancher Mißwillige schnuffelt und wittert
16
Um das von der Muse verliehne Gedicht;
17
Sie haben
18
Mir sollen sie's nicht!
19
Jedem redlichen Bemühn
20
Sei Beharrlichkeit verliehn.

21
Jeder Weg zum rechten Zwecke
22
Ist auch recht in jeder Strecke.

23
Wer mit dem Leben spielt,
24
Kommt nie zurecht;
25
Wer sich nicht selbst befiehlt,
26
Bleibt immer ein Knecht.

27
Mußt rasch dich besinnen
28
Und neues gewinnen.
29
Mußt Ruhm gewinnen,
30
Da werden die Leute sich anders besinnen.
31
Da wär es besser: nicht geboren.

32
Willst du dir ein gut Leben zimmern,
33
Mußt ums Vergangne dich nicht bekümmern,
34
Und wäre dir auch was verloren,
35
Erweise dich wie neugeboren;
36
Was jeder Tag will, sollst du fragen,
37
Was jeder Tag will, wird er sagen;
38
Mußt dich an eigenem Tun ergötzen,
39
Was andre tun, das wirst du schätzen;
40
Besonders keinen Menschen hassen
41
Und das übrige Gott überlassen.

42
Bekenntnis heißt nach altem Brauch
43
Geständnis, wie man's meint;
44
Man rede frei, und wenn man auch
45
Nur Zwei und Drei vereint.

46
Das Opfer, das die Liebe bringt,
47
Es ist das teuerste von allen;
48
Doch wer sein Eigenstes bezwingt,
49
Dem ist das schönste Los gefallen.

50
Nur wenn das Herz erschlossen,
51
Dann ist die Erde schön.
52
Du standest so verdrossen
53
Und wußtest nicht zu sehn.

54
Der Zaubrer fordert leidenschaftlich wild
55
Von Höll und Himmel sich Helenens Bild;
56
Trät er zu mir in heitern Morgenstunden,
57
Das Liebenswürdigste wär friedlich ihm gefunden.

58
Zu verschweigen meinen Gewinn,
59
Muß ich die Menschen vermeiden;
60
Daß ich wisse, woran ich bin,
61
Das wollen die andern nicht leiden.

62
Der Philosoph, dem ich so gern vertraue,
63
Lehrt, wo nicht gegen alle, doch die meisten,
64
Daß unbewußt wir stets das Beste leisten:
65
Das glaubt man gern und lebt nun frisch ins Blaue.

66
Der Dichter schaut in Weltgewühle,
67
Sieht jeden Menschen mit sich selbst befangen,
68
Bald heitern Sinns, bald bänglicher Gefühle,
69
Doch hat er Zwecke. Daß er die erlange,
70
Sucht er den eignen Weg zum eignen Ziele.
71
Was das bedeute, merkt er sich und allen,
72
Und was bedeutet, läßt er sich gefallen.

73
Gar mancher hat sich ernst beflissen
74
Und hatte dennoch schlechten Lohn.
75
Es ist ganz eigen: wenn sie wissen,
76
So meinen sie, sie wüßten schon.

77
In die Welt hinaus!
78
Außer dem Haus
79
Ist immer das beste Leben;
80
Wem's zu Hause gefällt,
81
Ist nicht für die Welt –
82
Mag er leben!

83
Seh ich zum Wagen heraus
84
Mich nach jemand um,
85
So macht er gleich was draus;
86
Er
87
Und er hat recht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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