Der wahre Genuß

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Johann Wolfgang Goethe: Der wahre Genuß (1790)

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Umsonst, daß du, ein Herz zu lenken,
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Des Mädchens Schoß mit Golde füllst.
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O Fürst, laß dir die Wollust schenken,
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Wenn du sie wahr empfinden willst.
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Gold kauft die Zunge ganzer Haufen,
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Kein einzig Herz erwirbt es dir;
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Doch willst du eine Tugend kaufen,
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So geh und gib dein Herz dafür.

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Was ist die Lust, die in den Armen
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Der Buhlerin die Wollust schafft?
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Du wärst ein Vorwurf zum Erbarmen,
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Ein Tor, wärst du nicht lasterhaft.
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Sie küsset dich aus feilem Triebe,
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Und Glut nach Gold füllt ihr Gesicht.
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Unglücklicher! Du fühlst nicht Liebe,
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Sogar die Wollust fühlst du nicht.

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Sei ohne Tugend, doch verliere
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Den Vorzug eines Menschen nie!
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Denn Wollust fühlen alle Tiere,
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Der Mensch allein verfeinert sie.
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Laß dich die Lehren nicht verdrießen,
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Sie hindern dich nicht am Genuß,
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Sie lehren dich, wie man genießen
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Und Wollust würdig fühlen muß.

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Soll dich kein heilig Band umgeben,
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O Jüngling, schränke selbst dich ein.
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Man kann in wahrer Freiheit leben
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Und doch nicht ungebunden sein.
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Laß nur für
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Und ist ihr Herz von Liebe voll,
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So laß die Zärtlichkeit dich binden,
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Wenn dich die Pflicht nicht binden soll.

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Empfinde, Jüngling, und dann wähle
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Ein Mädchen dir, sie wähle dich,
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Von Körper schön und schön von Seele,
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Und dann bist du beglückt wie ich!
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Ich, der ich diese Kunst verstehe,
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Ich habe mir ein Kind gewählt,
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Daß uns zum Glück der schönsten Ehe
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Allein des Priesters Segen fehlt.

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Für nichts besorgt als meine Freude,
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Für mich nur schön zu sein bemüht,
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Wollüstig nur an meiner Seite
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Und sittsam, wenn die Welt sie sieht.
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Daß unsrer Glut die Zeit nicht schade,
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Räumt sie kein Recht aus Schwachheit ein,
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Und ihre Gunst bleibt immer Gnade,
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Und ich muß immer dankbar sein.

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Ich bin genügsam und genieße
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Schon da, wenn sie mir zärtlich lacht,
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Wenn sie beim Tisch des Liebsten Füße
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Zum Schemel ihrer Füße macht,
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Den Apfel, den sie angebissen,
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Das Glas, woraus sie trank, mir reicht
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Und mir bei halb geraubten Küssen
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Den sonst verdeckten Busen zeigt.

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Wenn in gesellschaftlicher Stunde
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Sie einst mit mir von Liebe spricht,
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Wünsch ich nur Worte von dem Munde,
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Nur Worte, Küsse wünsch ich nicht.
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Welch ein Verstand, der sie beseelet,
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Mit immer neuem Reiz umgibt!
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Sie ist vollkommen, und sie fehlet
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Darin allein, daß sie mich liebt.

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Die Ehrfurcht wirft mich ihr zu Füßen,
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Die Wollust mich an ihre Brust.
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Sieh, Jüngling, dieses heißt genießen.
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Sei klug und suche diese Lust!
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Der Tod führt einst von ihrer Seite
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Dich auf zum englischen Gesang,
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Dich zu des Paradieses Freude,
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Und du fühlst keinen Übergang.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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