Die Liebhaber

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Johann Wolfgang Goethe: Die Liebhaber (1790)

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Mein Mädchen im Schatten der Laube,
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Umhangen von purpurner Traube,
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Bekränzte mit Rebenlaub sich
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Und wartete schmachtend auf mich.
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Da wallte der Herrscher der Träume
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Durch zitternde Wipfel der Bäume,
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Erblickte das liebliche Kind,
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Sank nieder, umarmt' es geschwind.

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Sie schlummert', er küßte die Wangen,
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Sie glühten von heißem Verlangen,
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Erhitzet, o Gottheit, von dir,
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Nach sterblichen Küssen von mir.
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Da saugte mit atmenden Zügen
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Annette das größte Vergnügen
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Der Träume, die Mädchen erfreun,
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Vom Munde des Göttlichen ein.

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Schnell war sie von Leuten umgeben,
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Die schmachteten seufzend nach Leben
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Und harreten zitternd aufs Glück
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Von einem beseelenden Blick.
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Da lag nun auf Knien die Menge,
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Mein Mädchen erblickt' das Gedränge
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Und hörte der Bittenden Schrei'n
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Und dünkte sich Venus zu sein.

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Erst sah sie den schrecklichen Sieger,
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Da lag er gebückt, wie ein Krieger,
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Den stärkerer Streitenden Macht
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In schimpfliche Fesseln gebracht.
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So sprach er: »Die mächtigen Waffen,
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Den Ruhm zu erobern geschaffen,
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Erheben, erwählest du mich,
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Auf deine Befehle nur sich.

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Da fürcht ich nicht Wäll, nicht Kanonen,
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Nicht Tonnen, die Minen bewohnen,
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Nicht Feinde, die scharenweis ziehn,
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Du sprichst nur: ›Entflieht!‹ – sie entfliehn.
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Doch mußt du für Eisen nicht beben,
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Mein Arm, den jetzt Waffen umgeben,
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Schließt sich in entwaffneter Ruh
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Auch sanften Umarmungen zu.«

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Der Kaufmann mit Putzwerk und Stoffen,
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Was eitele Mädchen nur hoffen,
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Trat näher und beugte sein Knie,
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Verbreitet' es hoffend vor sie;
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»erhöre mich, werde die meine«,
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So sprach er, »dies alles ist deine,
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Dich kleid ich in herrlicher Pracht
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Dann, wenn du mich glücklich gemacht.«

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Der Stutzer im scheckigen Kleide
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Von Samt und von Gold und von Seide
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Kam summend wie Käfer im Mai
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Mit künstlichen Sprüngen herbei:
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»du glänzest bei Ball und Konzerten,
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Du herrschest beim Spiel und in Gärten,
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Mein Dressenrock schimmert auf dich,
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Geliebteste, wähle du mich.«

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Noch andere kamen. Geschwinde
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Wies da mich dem göttlichen Kinde
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Der Traumgott. Sie schaute mich kaum:
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»den lieb ich!« so rief sie im Traum,
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»komm, eile! o komm, mich zu küssen!«
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Ich eilte, sie fest zu umschließen;
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Denn ich war ihr wachend schon nah,
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Und küssend erwachte sie da.

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Kein Pinsel malt unser Entzücken,
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Da sank sie mit sterbenden Blicken,
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O welche unsterbliche Lust!
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An meine hochfliegende Brust.
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So lag einst Vertumn' und Pomone,
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Als er auf dem grünenden Throne
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Das sprödeste Mädchen bekehrt,
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Zuerst sie die Liebe gelehrt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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